Draussen zu Hause

Wie so oft auf unserer Reise wünschen wir uns nach einigen Tagen oder Wochen in einer Region wieder etwas Abwechslung, meistens etwas Gegenteiliges. So reisen wir oft vom Strand in die Höhe von der Stadt in die Natur, von ruhigen Plätzchen an Orte wo es mehr Aktivitäten gibt. Wir haben ja das Glück, das zu machen wonach wir gerade Lust haben. So war es auch nach Lima, wir wollten wieder in die Natur und uns nach dem Schlemmen (siehe Bericht) wieder aktiv betätigen. Daher reisten wir nach Huaraz, welches eine Nachtbusfahrt von Lima entfernt, im Norden liegt. Huaraz haben wir auf unserem Weg in den Süden ausgelassen, da sich die Regenzeit in den Anden dieses Jahr bis in den Mai hineinzog.

Huaraz ist eine Grossstadt in den Anden von Peru mit 55’000 Einwohnern auf 3’000 Meter über Meer. Ausser der Sicht auf die umliegenden Berge der Cordillera Negra und Cordillera Blanca, eigentlich nichts schönes, aber ein perfekter Ort als Ausgangsbasis für unsere Aktivitäten. Es gibt viele AirBnB’s, Restaurants, Tourenveranstalter und Märkte und Einkaufsläden, um uns mit Proviant einzudecken.

Die Region wird auch peruanische Schweiz genannt – wieder einmal ein Ausdruck des tiefen Selbstbewusstseins der Peruaner (der Fussballer Raúl Mario Ruidíaz wird z.B. auch Messi Peru’s genannt). Unserer Meinung nach müssen sich die Berge nicht mit den Schweizer Alpen vergleichen, denn sie sind einzigartig schön.

Da wir uns nach unserem Aufenthalt in den Anden von Ecuador (siehe Bericht) mehr als eine Woche auf Meeresspiegel aufgehalten haben, mussten wir uns zuerst wieder akklimatisieren. Dazu machten wir zwei Tagestouren.

Die erste Wanderung führte uns auf die Bergkette der etwas weniger bekannten Cordillera Negra. Diese sind nicht ganz so hoch und daher auch nicht Schneebedeckt, bieten dafür eine hervorragende Aussicht auf auf die Gipfel der Cordillera Blanca. Nach einer kurzen Fahrt mit dem lokalen Bus machten wir einer lockere Wanderung zur Laguna Wilcacocha wo wir nach dem Picknick in der angenehmen Wärme der Sonne einen Mittagsschlaf machten.

Beim zweiten Ausflug stand nicht die körperliche Aktivität sondern die Höhe im Vordergrund der Akklimatisierung. Mit einer organisierten Tour ging es zum Pastoruri-Gletscher, welcher auf 5’200 M.ü.M. liegt. Auf der mehrstündigen Fahrt im Kleinbus machten wir neben dem Halt im obligaten Touri-Restaurant zum Glück noch weitere Halte mit Aussicht auf eine Hochebene, wo die Pflanzen Puya Raimondii wachsen. Die ersten 50 bis 70 Jahre wachsen sie kugelförmig und werden dann bis zur einmaligen Blütenzeit bis zu acht Meter hoch – ein tolles Fotosujet. Der Bus konnte zwar auf der Schotterstrasse erstaunlich hoch hinauf fahren, die letzten 30 Minuten bis zum Gletscher mussten wir aber doch noch laufen. Melanie spürte die Höhe in Form von starken Kopfschmerzen. Leider machte auch das Wetter nicht mehr so mit und es begann zu schneien und wurde unangenehm kalt. Der Gletscher ist aber sehr eindrücklich, leider auch seine starke Schmelzung. Vielleicht könnte sich Herr Trump hier ein Bild der Klimaerwärmung machen.

Die ganze Akklimatisierung hatte natürlich seinen Grund – der mehrtätige Santa-Cruz-Trek. Das ist der berühmteste von vielen spannenden, zum Teil noch längeren und anstrengenderen Mehrtages-Treks in der Region. Es gibt viele Tourenveranstalter, welche diesen Trek anbieten. Man ist dann in einer Gruppe mit einem Guide und das Gepäck wird mit Eseln von Zeltplatz zu Zeltplatz transportiert und Köche bereiten das Essen vor. Wir entschieden uns jedoch, den Trek auf eigene Faust zu machen. Folgende Überlegungen standen dahinter:

  • Es gibt viele Informationen auf dem Internet und nicht viele Abzweigungen, die Gefahr sich zu verlaufen ist also gering
  • Wir können unser eigenes Tempo laufen
  • Es gibt zwar Zeltplätze auf dem Trek, das wilde Campieren ist aber auch erlaubt, also können wir das Zelt dann und dort aufstellen, wo wir Lust haben
  • Etwas mehr Abenteuer
  • Es ist die günstigere Variante
  • Natürlich mussten wir dafür alles selber organisieren und mitschleppen
  • Im Nachhinein finden wir auch, dass die Esel der organisierten Touren die Pfade zu stark beschädigen und der Esel-Kot stört – wir sind um so mehr für die selbst organisierte Tour

Die erste organisatorische Frage welche wir zu beantworten hatten war, in welche Richtung wir die Tour machen. Wir entschieden uns für den Weg von Vaqueria nach Cashapampa:

  • Das sind weniger Höhenmeter Aufstieg und daher weniger anstrengend (die Tour in die andere Richtung zu machen wäre ja wie wenn ich mit dem Bike auf einen Berg hochfahren würde und mit der Gondel hinunter – also „Bähnli-Tal-Fahrer“)
  • Dadurch ist bei der viertägigen Tour auch ein Abstecher in ein Seitental zum Basecamp des Alpamayo möglich
  • Der strengste Tag bei dieser Variante der zweite und nicht der dritte, wenn man noch bei Kräften ist

Wir mieteten von Zelt über Schlafsäcke, Matten, Gaskocher, Küche, bis zum Kartenmaterial und Tabletten, um das Wasser aus den Bergbächen zu reinigen, bei Quechandes. Schwierig war die Frage, wie viel Nahrung wir benötigen. Zu viel bedeutet, wir tragen zu viel mit uns herum, zu wenig würde bedeuten nach einem anstrengenden Tag mit knurrendem Magen schlafen gehen.

Bereits um 5:15 Uhr verliessen wir Huaraz in einem Colectivo. Wie immer mussten wir das Colectivo nicht gross suchen, die finden uns schon. Heute war es ja auch einfach uns Touris um diese Zeit mit riesigen Rucksäcken zu identifizieren. Es war schon erstaunlich viel los für einen Sonntag um diese Zeit. Wir passierten einen Markt sowie eine Polizeikontrolle. Der Chauffeur hielt vor der Polizeikontrolle an, da unser Minibus hoffnungslos überfüllt war. Zwei Passagiere stiegen aus, rannten auf der anderen Strassenseite an der Polizeikontrolle vorbei und stiegen 50 Meter weiter hinten in den noch überfüllteren Bus ein, denn die Polizisten ordneten an, eine weitere Passagierin in den vollen Bus aufzunehmen. Wir freuten uns, dass wir so früh losfahren konnten, denn die Reise war lang und wir wollten am ersten Tag ja auch noch einige Stunden wandern. Deshalb ärgerte es uns um so mehr, als wir nach dem Umsteigen in Yungay über 1.5 Stunden warten musste weil ein Passagier nur noch schnell etwas erledigen musste, nicht wieder zurück kehrte und es einige Überzeugungsarbeit aller anderen Passagiere benötigte, bis der Fahrer ohne den verschwundenen Passagier losfuhr. Mit seinem Fahrstil holte er die Zeit, trotz einem Halt wegen einem technischen Problem am Auto, wieder auf. Die Fahrt von Yungay nach Vaqueria ist schon alleine eine Reise wert, vorbei an einem schönen See windet sich die enge Schotter-Strasse auf den Pass Portachuelo (4’768 M.ü.M), immer mit schönster Aussicht. Leider wechselte das Wetter genau auf Passhöhe, es war als würde man vom Tessin über oder durch den Gotthard in den Norden fahren und dort erwartet einem die Nebelsuppe. Von Vaqueria starteten wir unsere Wanderung. Nach einem kurzen Abstieg ins Tal wanderten wir vier Stunden in das Tal hinein und verliessen somit die Zivilisation. Neben uns starten vier weitere Paare, die wir aber danach sehr selten trafen. Zwei Finninen, welche sich als Trekking-Profis ausgaben, machten uns schon etwas Angst als sie meinten wir hätte wohl zu wenig Nahrung dabei – wie sich später heraus stellte völlig unbegründet. Allgemein trafen wir den Tag durch höchstens drei bis vier Gruppen/Paare an. Man ist also wirklich total alleine in der Natur. Ausser am Ersten Abend, es war unser Hochzeitstag und wir stellten unser Zelt etwas abseits ab und ich freute mich auf die Überraschung welche ich vorbereitet hatte. Dann kam doch neben dem Regen tatsächlich eine dieser organisierten Gruppen und stellten ihre Zelte genau neben unserem auf – ich musste meine Überraschung vertagen.

Der zweite Tag startet wie alle weiteren Tage mit einem Coca-Tee (hilft gegen Höhenkrankheit) und einem Müesli. Den Tag durch verpflegten wir uns von den vier Bananen und gekochten Eiern, welche schon nach dem ersten Tag überreif bzw. zerdrückt waren. Die Wanderung am zweiten Tag war sehr streng. Vor allem der letzte Teil des Aufstieges auf den Pass Punto Union (4’750 M.ü.M). Ich hatte, das Gefühl, der Rucksack mit den Schlafsäcken, dem nassen Zelt und der vertagten Überraschung drücke mich in den Boden. Melanie hatte wieder etwas mit der Höhe zu kämpfen und zu allem zu setzte noch Schneefall ein. Es kam mir vor wie der Pas de Lona am Grand-Raid-Bike-Marathon, man fragt sich weshalb man das überhaupt macht. Zum Glück hatten wir zur Stärkung noch Aguapanela aus Ecuador (siehe Bericht) dabei. Das Erreichen des Punta Union war aber unbeschreiblich schön, neben dem Wissen, dass das strengste geschafft ist, wurden wir mit einer wunderbaren Aussicht und besserem Wetter auf der anderen Passeite belohnt. Der Abstieg war einfach und wir fanden einen schönen Platz für unser Zelt und die Überraschung. So gab es am zweiten Abend Bratwürste über dem Feuer grilliert und eine Flasche Rotwein. Da es mit dem Eindunkeln schnell kalt wird, waren wir schon um 6 Uhr im Zelt.

Nach 12 Stunden liegen, nicht schlafen, denn so bequem war es doch nicht, erwartete uns eine traumhafte Aussicht als wir das Zelt öffneten. Ein Panorama mit schneebedeckten Gipfeln, welche soeben von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet wurden. Am dritten Tag machten wir einen Abstecher in ein Nebental zum Basiscamp vom Alpamayo, der von Wanderern als schönster Berg gewählt wurde. Dort trafen wir unter den Kletterer den Bruder einer ehemaligen Arbeitskollegin von Melanie, was für ein Zufall. Wir genossen die schöne Aussicht und das Wetter beim Basis-Camp und dem 20 Minuten entfernten Arhuaycocha-See und stärkten uns mit einer gekochten Nudel-Suppe. Würden wir den Trek noch einmal machen, würden wir einen zusätzlichen Tag einplanen mit Übernachtung im Basis-Camp. So mussten wir aber los damit wir noch rechtzeitig vor dem Eindunkeln unser Etappen-Ziel erreichten. Der dritte Wandertag war zwar nicht mehr so streng wie der letzte, aber mit acht Stunden Wandern (20km) doch sehr lange. So waren wir froh, dass der Vollmond den Himmel beleuchtete und unseren Tag verlängerte. Nachtessen gab es bei Mondschein am Fluss.

Am vierten Tag mussten wir nur noch vier Stunden wandern. Sobald die Sonne bis ins Tal schien, wurde es wärmer und mit jedem Höhenmeter, den wir zurücklegten, wurde es noch heisser. Der Abstieg erforderte nochmals Konzentration und wir waren erneut froh, machten wir die Tour in diese Richtung. Dieser Aufstieg am ersten Tag scheint schon ziemlich hart zu sein. Auch die Vegetation ändert sich mit dem Abstieg. Wälder, Kakteen, Eukalyptus-Bäume, ein rauschender Bergfluss, eine Schlange und viele schöne Rastplätze welche leider zu früh kamen um eine Rast zu machen. Als wir Hunger hatten waren wir schon bald unten. Trotzdem machten wir noch einen Halt und assen einen Teil unser Reste, eine ausgiebige Mahlzeit. Es hätte noch für einen zusätzlichen Tag gereicht, wir hatten mehr als genug Nahrung dabei. In Cashapampa gab es das wohlverdiente Panache und wir mussten an mein Mami denken, welche nach dem Wandern auch immer ein Panache trank. Auch die Rückfahrt entlang der Bergflanke war sehr schön. Wir freuten uns auf eine Dusche, ein weiches Bett sowie die Glace und die Pizza, welche wir uns als Belohnung versprochen hatten.

Nach einem Tag Erholung zog es mich nochmals in die Berge. Diesmal aber mit dem Bike. Ich war alleine mit dem Guide unterwegs, welcher mir die besten Trails zeigte. Es war das erste Mal auf unserer Weltreise, dass ein Bike-Ausflug auch das erfüllte, was ich mir unter Biken vorstellte: unendliche Flow-Trails, ein paar knackige Anstiege, aber trotzdem mehr Downhill als Uphill.

Mit diesen schönen Erinnerungen reisen wir nun weiter.

 

 

4 Comments

  • Angelo 12. Juni 2017 at 9:56

    Ihr macht fantastische Sachen und ich bewundere das!
    Geniesst es weiterhin.
    Herzliche Grüsse
    Angelo

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    • André Maurer 21. Juni 2017 at 17:26

      Danke Angelo. Wir geniessen ohne Ende. Liebe Grüsse zurück in die Schweiz.

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  • Doris 18. Juni 2017 at 11:47

    Super – das habt ihr mit dem Trek auf eigene Faust genau richtig gemacht. Die Würste sehen fein aus, tolle Idee von dir. Weiter so

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  • Nicole 4. Juli 2017 at 23:24

    Meine Lieben
    Es hat mich gerade sehr glücklich gemacht diesen tollen Bericht zu lesen. Unglaublich schön, welche tollen Abenteuer ihr auf eurer grossen Reise immer wieder erlebt und wie ihr in Gedanken so oft bei Mami seid. Lara und ich haben gerade heute fest an euch gedacht und Lara sagte zum Schluss: „Wenn Götti wieder zu Hause ist, muss er mir gaaaanz viel von der grossen Reise erzählen.“
    Lieber Götti, ich glaube du wirst von deinem Gottimeitli mit Fragen gelöchert :-).
    Eine dicke Umarmung von uns allen!

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