Indien – Ein Land voller Gegensätze

Wir verliessen Delhi mit unserer ersten indischen Zugfahrt und waren auf vieles gefasst. Als dann die ausschliesslich indischen Wartenden auf den noch einfahrenden Zug aufsprangen und durch die Fenster kletterten hatten wir schon unsere Bedenken. Zum Glück hatten wir aber unsere nummerierten Betten/Plätze. Zwar wurden wir nonstop angestarrt und meine Füsse reichten über das Bett bis in den Gang (was aber auf unserer Weltreise auch in anderen Betten keine Seltenheit ist), schlafen konnten wir trotzdem erstaunlich gut und kamen am Morgen mit einigen Stunden Verspätung einigermassen erholt in Khajuraho an.

 

Khajuraho

Khajuraho ist ein wenig bekannter Ort zwischen Delhi und Varanasi, der von vielen Touristen ausgelassen wird. Ende des ersten, Anfang des zweiten Jahrhunderts lebte hier eine Dynastie und erbaute etwa 80 Tempel. Nach dem Niedergang der Dynastie wurden die Tempel kaum noch benutzt. Da die Gegend zum Zeitpunkt der islamischen Eindringlinge kaum bewohnt und völlig unbedeutsam war, wurden die Tempel nicht zerstört. Trotz des hohen Alters sind die Hindu-Tempel in bemerkenswert gutem Zustand. Obwohl auch diese Tempelanlagen zum UNESCO-Welterbe gehören, ist es noch sehr ursprünglich und wenig touristisch. Wir genossen die Ruhe in dem kleinen Dorf, erkundeten die Umgebung zu Fuss und staunten über die Tempel. Das spezielle ist, dass fast alle Tempel mit dreidimensionalen Figuren von unten bis oben überzogen sind. Man kann stundenlange davor stehen und entdeckt immer wieder neues. Noch spezieller ist, dass viele dieser Figuren an den äusseren Wänden vollbusige Damen sind oder erotische und tantrische Posen darstellen. Wie wir später lernten, um die bösen Geister abzulenken, damit diese gar nicht erst in die Tempel gehen. Wir waren jedenfalls erstaunt über die Fantasie und Offenheit der früheren Bevölkerung. Heute gehört es sich in Indien nicht einmal, dass man sich als Paar in der Öffentlichkeit berührt oder küsst, was für uns schon gewöhnungsbedürftig ist. Ansonsten haben Inder aber wenig Berührungsängste. Wenn man in einer Schlange steht und die Inder nicht gerade hervor drängeln (an was wir uns nach wie vor nicht gewöhnen konnten), drückt einem sicher die hintenstehende Person den Bauch in den Rücken.

In einem Restaurant in Khajuraho hatten wir eine spezielle Begegnung. Eine Person stellt sich als Inhaber vor, nimmt unsere Bestellung auf, kommt mit uns ins Gespräch und kurze Zeit später sind wir für den nächsten Tag zur Hochzeit seines Kollegen eingeladen. Nach dem Essen kommt der Typ mit einem weiteren Kollegen und schon waren wir zum Frühstück bei ihm eingeladen. Mir kam das schon komisch vor. Beim Verlassen des Restaurants fragte ich einen anderen Angestellten über den Typen. Der sei aber weder der Inhaber, noch ein Angestellter in dem Restaurant. Wir gingen natürlich weder zur Hochzeit noch zum Frühstück. Für uns ist das eine der grössten Schwierigkeiten in Indien: Wem kann man trauen, wem sollte man misstrauen. Als wir in Delhi angekommen sind, hat uns die Inderin, welche im Flugzeug neben uns sass, zum Beispiel geholfen und hat sogar das Taxi für uns bezahlt. Auch in der Metro wird für Melanie immer Platz gemacht. Viele Inder wollen auch nur mit Ausländern reden, Fotos und Selfies machen und sind total nett. Andere wollen einem aber einfach nur abzocken. Wir haben beides schon erlebt und müssen immer wieder von neuem entscheiden: offen oder abweisend sein? Bei penetranten Verkäufern haben wir inzwischen gelernt, dass das Ignorieren für uns zwar unanständig zu sein scheint, aber das einzig wirksame Mittel ist. Ein weiteres Lieblingsmittel ist „Lichtenstein“: Da viele Verkäufer einem mit einfachen Fragen ins Gespräch verwickeln wollen, starten die meisten mit der Frage, von wo man kommt. Unsere Lieblingsantwort ist Lichtenstein. Mit dieser Antwort ist das Gespräch meistens beendet. Manchmal benötigt es auf die Zusatzfrage, welche Sprache wir sprechen noch ein „Lichtensteinisch“. An dieser Stelle vielen Dank an unsere Landesnachbarn.

 

 

 

Varanasi

In einer weiteren Zugfahrt ging es nach Varanasi. Zum Vergleich hatten wir diesmal die bessere Klasse 3AC gebucht. Da es aber noch nicht so heiss war, benötigten wir die Klimaanlage gar nicht. Der einzige Unterschied war, dass in dieser Klasse mehr Touristen reisen. Die nächste Zugfahrt sollte also wieder Non-AC sein. Bei dieser Zugfahrt kamen wir mit 5 Stunden Verspätung an (auf 10.5 h geplante Fahrzeit). Da wir keine fixen Termine haben ist das für uns gar kein Problem. Erstaunlich ist aber, dass es auch die Inder einfach so hinnehmen und akzeptieren. Ich erinnere mich wie die Leute in der Schweiz auf dem Perron schon bei wenigen Minuten Verspätung im Sekundentakt ungeduldig auf die Uhr schauen und über die SBB zu motzen beginnen. Ich bewundere die Gelassenheit bei den Indern auch im hektischen Verkehr wenn z.B. einem der Weg abgeschnitten wird. Es wird zwar viel, und damit meine ich wirklich viel, gehupt, aber ausgerufen oder genervt sind die Fahrer selten.

In Varanasi haben wir seit längerer Zeit wieder einmal ein Hostel gebucht. Es war schön andere Backpacker zu treffen und Erfahrungen auszutauschen. Varanasi selber ist ein sehr spezieller Ort und gilt für Hindus als besonders heilig. Er liegt am Fluss Ganges. An diesem Fluss finden am Morgen und am Abend imposante Zeremonien statt. Wer in Varanasi stirbt, kann den Kreislauf (Samsara) durchbrechen und somit der Reinkaranation entgehen und Moksha erreichen. So gehen viele Inder hier hin um zu sterben. Die Toten werden praktisch im Minutentakt in Tüchern eingewickelt mit Gesängen durch die Stadt zum Fluss getragen, im Fluss gewaschen und am Ufer auf Holzhäufen verbrannt. Die Asche geht dann auch in den Ganges. Angehörige dürfen nicht weinen, da dies die Verstorbenen am weiteren Weg hindert. Da Frauen eher weinen, müssen diese zu Hause bleiben. Für uns ist dieser Umgang mit dem Tod zuerst sehr erschreckend. Vor allem wenn man von den vielen brennenden Scheiterhäufen steht und die Leichen verbrennen sieht. Nach einiger Zeit und den Erklärungen von dem Führer auf einer Flussfahrt verstehen wir aber, dass das halt eine andere Kultur ist und sind auf eine Art auch fasziniert, wie die Hindus mit dem Tod umgehen.

Ansonsten ist Varanasi eine dreckige und stinkende Stadt, wie die meisten anderen indischen Grossstädte. Inder selber sind ja eigentlich sauber. Es ist aber sinnbildlich, dass jeder nur vor seiner eigenen Türe kehrt. Den ganzen Dreck wischen sie einfach zum Nachbar. Sobald dieser wischt, ist der Dreck wieder zurück. Wie dreckig es beim Nachbarn und in der Umwelt ist, scheint dann niemand mehr zu kümmern. Kühe, Affen, Ziegen, Hunde und alllerlei anderes tummelt sich in Varanasi in den engen Gassen. Die Kühe sind ja das heiligste Tier in Indien. Getötet oder gegessen werden sie natürlich nicht (sogar McDonalds bietet keine Rindsburger an). Die Kühe in den Städten ernähren sich nur von Abfall. Wenn sie Glück haben, hat es noch einige Kompost-Abfälle, ansonsten kauen sie auf Plastik und Papier rum. Die Tiere sehen so traurig und abgemagert aus, dass ich mich frage ob dieses Leben einem heiligen Tier würdig ist. Allgemein ist Indien kein Land für Tierfreunde.

In Varanasi spielt sich vieles am dreckigen Ganges ab. Einige Kilometer unterhalb der Kremationen waschen sich die Leute im Ganges oder waschen die Wäsche – nicht nur private Wäsche, sondern auch Grosswäschereien (für Hotels, Spitäler etc.) erledigen ihre Arbeit im Ganges. Die Wäsche wird dann oftmals noch mit heisser Kohle betriebenen Bügeleisen gebügelt.

 

Kolkata

Eine weitere Nachtzugfahrt östlich liegt Kolkata. Diesmal sind wir wieder mit der einfacheren Klasse gereist. Dementsprechend habe ich bis zur Schlafenszeit meinen Sitzplatz mit drei Indern geteilt. Auch das Verhalten war wieder indischer als in der AC-Klasse. Melanie wurde die ganze Nacht angestarrt und es herrschte ein Schnarch-, Furz- und Gorpskonzert, dass ich nicht mal gehört hätte, wenn der Zug aus den Geleisen gesprungen wäre. Kolkata selber hat nicht sehr viel zu bieten. Eine weitere chaotische, indische Grossstadt. Zwar laufen hier keine Kühe mehr durch die Gassen, sauberer ist es deswegen aber nicht. Es gibt einige Kolonialgebäude, das schönste davon ist das Victoria Memorial. Wir besuchten auch das Haus von Mutter Theresa. Dort war der Besuch von Diego Armando Maradona, der zur gleichen Zeit in Kolkata war, die grössere Attraktion. Eine Fahrt mit einem der altertümlichen Taxis liessen wir uns nicht entgehen. Auf eine Fahrt in einer handgezogenen Rikscha verzichteten wir aus ethischen Gründen.

 

 

Mumbai

Mit einem Inlandflug reisten wir nach Mumbai an die Westküste Indiens. Am Flughafen sahen wir wieder einmal, dass Arbeitskräfte in Indien wohl weniger Kosten als funktionierende IT-Systeme. Nur so lässt sich erklären, dass der Boardingpass von einer Person elektronisch gescannt wird, eine weitere Person den Boardingpass stempelt und nochmals eine weitere Person eine Strichliste der Boarding-Passnummern führt. Wir hätten in Indien schon viele Prozessoptimierungen und IT-Unterstützende Möglichkeiten gesehen. Auch Dienstleister wie Banken erwähnen explizit, wenn sie IT-Systeme haben.

Mumbai hat einige moderne Quartiere, ist eine Wirtschaftsmetropole, Zentrum der Bollywood-Filmindustrie und hat auch einige schöne Kolonialgebäude. Vom Gate of India aus eine Bootsstunde entfernt liegt Elephanta Island mit einigen Höhlen-Tempeln. Die Bootsfahrt führt am natürlichen Hafen vorbei. Die Immobilienpreise in Mumbai gehören zu den 10 teuersten weltweit. Leider befinden sich hier aber auch die grössten Slums von Asien. Über 50% der Bewohner wohnen in den Slums, ohne Frisch- und Abwasser und leben wenn es gut geht von 1-2 Franken pro Tag. Überall in Indien sieht man viel Armut. Es gibt extrem viele Bettler und auch andere Personen welche Hilfe benötigen würden. Wer aber als Pestalozzi nach Indien reist, ist sein Geld schnell los. Es ist manchmal schwierig das Elend zu sehen und nicht helfen zu können.

 

 

Hampi

Da wir die Städte langsam satt hatten, verliessen wir Mumbai bereits nacht zwei Tagen und reisten mit dem Nachtbus nach Hospet um von dort mit dem Tuktuk in das 13 Kilometer entfernte Hampi zu gelangen. Hampi ist ein Ort mit einer ganz speziellen Atmosphäre. Hier treffen indische Pilgerer auf ewige Hippies, Backpacker, Boulder-Kletterer und viele Israelis. Der Ort besteht aus zwei Teilen, dem alten Teil mit Tempeln sowie dem alten Ortsteil, und Hippie Island wo die meisten Touristen sind. Nachdem wir in letzter Zeit viele Unterkünfte einige Tage im Voraus gebucht hatten, wollten wir hier vor Ort eine Unterkunft finden. Die Tuktukfahrer, welche an der Bushaltestelle in Hospet warteten, warnten uns, dass es keine Unterkünfte gibt in Hampi, weil drei Tage zuvor im alten Teil alle Restaurants und Hotels von den Behörden geschlossen wurden – wir sollen ein Hotel in Hospet suchen. Wir dachten, das sei ein Verkaufstrick um mehr Provisionen einzukassieren. Wir fuhren trotzdem nach Hampi. Tatsächlich hat die Polizei drei Tage zuvor sämtliche Restaurants und Hotel auf der alten Seite geschlossen mit der Begründung, gemäss UNESCO-Bericht dürften so nahe an den Tempeln keine Restaurants/Hotels betrieben werden. Gerüchten zu Folge stehen aber einflussreiche Hotelbesitzer aus Hospet dahinter, welche auf die Polizei Einfluss nehmen. Wir hoffen, dass die Unterkünfte und Restaurants auf der Hippie-Island-Seite bestehen bleiben, denn dieser Ort ist so einzigartig und speziell. Da wir an einem Samstag ankamen, wenn auch viele indische Touristen nach Hampi reisen, war es wirklich nicht einfach eine Unterkunft zu finden. Schlussendlich fanden wir doch etwas.

Hampi ist schwierig in Bilder oder Worten zu fassen. Die Landschaft ist geprägt mit grossen runden Felsbröcken. Dazwischen schlängelt sich ein Fluss, auf welchem die Einheimischen mit kleinen runden Booten rudern. Die Landschaft ist grün mit Reisfeldern, Bananenplantagen und Palmen. Dazwischen gibt es auf einer Fläche von 26 Quadratkilometern überall historische Sehenswürdigkeiten. Einstmals waren es über 2000 Tempel. Früher lebten hier zwischen 200’000 bis 500’000 Bewohnern mit tausenden Elefanten und es war ein Handelsplatz für Juwelen. Wenn man auf einem der Hügel, in einer der grossen Tempelanlagen oder vor den Ruinen der Basar-Strasse steht und die Augen schliesst, kann man sich das emsige Treiben vorstellen und wünscht sich in die Zeit zurückversetzt zu werden. Wir erkundeten die Umgebung zu Fuss, mit einer geführten Velotour und mit einem Scooter. Manchmal kommen wir uns wie ein vierjähriges Kind mit so vielen „wieso“, „weshalb“ und „warum“-Fragen. Führer und Wikipedia können uns aber meistens helfen. Bei unserem 6tägigen Aufenthalt blieb dazwischen genug Zeit um bei angenehmen Temperaturen einfach ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Sei es in einem der Restaurants mit gemütlicher Lounge oder auf dem Felsen beim Sonnenuntergang. Erst jetzt, als wir hier waren verstehen wir, was viele in anderen Blogs geschrieben haben. Es ist ein Ort den man unbedingt besuchen sollte, wenn man in Indien ist – und genug Zeit einrechnen.

Zwischendurch kommen wir uns wie Superstars vor. Immer wieder winken uns Kinder und Jugendliche zu, scharen sich um uns und fragen uns nach Herkunft und Name und wollen ein Foto oder Selfie mit uns machen.

 

Wie Melanie feststellte, habe ich mich schon ziemlich an Indien angepasst. Auf eine Frage von ihr habe ich als Antwort unbewusst mit dem Kopf gewackelt – OK das macht mir nun selber Angst! Über die Bedeutung und Herkunft des lustigen Kopfschütteln gibt es viele Theorien. Beim Verhandeln (z.B. mit Taxifahrern) bedeutet es das Einverständnis (ein klares Ja will der Taxifahrer ja doch nicht zugeben). Wir vergleichen es mit dem (schweizer)deutschen „Ja“, das ja auch auf ganz unterschiedliche Arten aussprechen kann und dann unterschiedliche Bedeutungen hat. Ein „Jaja“ ist auch nicht gleichzusetzen mit dem „Ja“. Aber das Kopfschütteln der Inder bringt uns zum Teil schon zur Verzweiflung.

2 Comments

  • Marcel Grab 22. Dezember 2017 at 7:11

    Sehr interessant Eure Erlebnisse und Berichte.

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    • Melanie Maurer 7. Januar 2018 at 13:56

      Danke Paps!

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