Südindien – so anders als der Norden

Goa

Über Weihnachten haben wir uns eine Holzhütte am Strand von Palolem gebucht. Goa ist bei europäischen Touristen sehr beliebt und lockt mit vielen Palmenstränden. Berühmt ist Goa auch wegen der Technoparties, die hier in den späten 80er für Furore sorgten – mit viel Drogen. Wir waren gespannt, ob der Strand auch so aussehen würde, wie man ihn von den Ferienprospekten kennt, oder ob er dann doch indisch-dreckig mit viel Abfall ist. Wir kamen frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, an und waren begeistert. Ein paar Fischerboote, viele Palmen und kein Abfall. Von der Restaurant-Treppe aus schauten wir den Sonnenaufgang, während dem wir warteten, bis jemand vom Hotel aufwacht. Als wir dann gegen 7 Uhr unsere Hütte ein paar Meter abseits vom Strand bezogen hatten, holten wir erstmal Schlaf nach. Der Nachtbus hatte zwar ein richtiges Doppelbett, aber wir wurden so durchgesschüttelt, dass wir beide nicht viel geschlafen haben. Die nächsten Tage verbrachten wir mit Nichtstun. Ein bischen lesen, ein bischen baden, ein bischen spielen, Spaziergänge, Sonnenuntergänge… Es fühlte sich an wie Ferien. Es gefiel uns so gut, dass wir zwei Nächte verlängerten und bereits am zweiten Tag konnten wir in eine Hütte direkt am Strand umziehen, weil jemand anderes annulliert hatte. Zum Nachtessen gab‘s jeweils leckeren Fisch oder anderes Meeresgetier. Palolem ist sehr touristisch und über‘s Weihnachtswochenende tummelten sich nicht nur westliche Touris jeden Alters am Strand, sondern auch viele indische Tagesausflügler. Schon immer wollte ich Weihnachten mal am Strand verbringen. Klar, bei der Hitze kam keine wirkliche Weihnachtsstimmung auf. Wir telefonierten mit unseren Familien zu Hause und vermissten alle, aber es war uns nicht richtig bewusst, dass Weihnachten war. Für uns war‘s ein Ferientag – mit einer Party am Abend und viel Gin Tonic; nach zwei Monaten in Indien ohne Alkohol… Als wir nach einer Woche mit dem Taxi zum Bahnhof fuhren, war ich etwas traurig, diesen schönen Ort zu verlassen. Es fühlte sich an als wären die Ferien zu Ende – jetzt erwartet uns wieder das ‚harte‘ Backpackerleben…

 

Kochi

Mit dem Nachtzug – besser als Bus weil da kann man schlafen – fuhren wir nach Kochi im Bundesstaat Kerala. Kerala ist im Südwesten Indiens, an der Malabarküste, und Kerala’s Slogan ‚God’s own country’ versprach viel. Wir mussten mal wieder hart verhandeln mit den Tuktuk-Fahrern am Bahnhof, alle verlangten überrissene Preise für die zwei Kilometer bis zur Fähre. Indien halt… Nachdem wir dann etwa 45 Minuten in der Schlange gestanden sind, um ein Ticket für die Fähre zu lösen, ging‘s mit dem Boot nach Fort Kochi, früher bekannt als Cochin. Etwas nördlich von hier – in Kalikut – ist Vasco da Gama als erster Europäer auf dem Schiffsweg via Kap der Guten Hoffnung angekommen und in Kochi ist er gestorben. Die Portugiesen haben den lokalen Herrscher besiegt und das Gebiet als Kolonie eingenommen (auch Goa war übrigens mal eine portugiesische Kolonie). Irgendwann kamen dann auch noch die Holländer dazu und übrig geblieben ist heute eine vorwiegend christliche Ortschaft mit ein paar alten Kolonialgebäuden und vielen Touristen. Das ganze wirkt so total unindisch. Wir hatten mehr erwartet von dem Ort und auch vom Carneval, der gerade stattfand. So verbrachten wir eher ruhige Tage über Neujahr. Silvester war auch eine komische Angelegenheit. Wir sind essen gegangen und haben dann kurz vor Mitternacht auf dem Fussballfeld gewartet, was passiert. Es gab mässig gute Livemusik, alle Inder sassen herum und warteten. Viele trugen Nikolaus- bzw. Weihnachtsmann-Mützen. Um 23:50 Uhr verliessen die meisten Familien mit Kindern das Fussballfeld, so dass wieder mal fast nur Männer da waren – und wir mittendrin. Um Mitternacht wurde eine Weihnachtsmann-Figur angezündet (wie in Zürich der Böögg). Man wünschte sich mit Handschlag ein gutes Neues Jahr, und ging dann nach Hause. Also zusammengefasst: man feiert Samichlaus oder Weihnachten (wegen den Mützen) am Silvester und verbindet das gleich mit Sächseläuten (wegen dem Böögg). Und beim ganzen Fest ist kein Tropfen Alkohol geflossen. Uns hat schwer beeindruckt, wie Alkohol hier in Indien einfach kein Thema ist. Auch andere Religionen verbieten Alkohol, aber trotzdem wird doch oft (auch im Versteckten) getrunken. Hier überhaupt nicht, ausser in Goa konnte man auch bisher kaum Alkohol kaufen. In Hampi mussten wir unser Bier unter dem Tisch verstecken, auf der Getränkekarte war es nicht aufgeführt…

 

Teeregion Munnar

Im neuen Jahr machten wir uns mit dem Bus auf den Weg nach Munnar, Kerala‘s Teeregion. Mit einem alten Bus ohne Fensterscheiben ging‘s holprig und kurvig langsam den Berg hinauf. Fünfeinhalb Stunden für 130 km – und sofort schätzt man das Schweizer Strassennetz wieder. Die Fahrt war aber unglaublich schön. Uns ist aufgefallen, dass hier in Kerala alles etwas reicher scheint. Die Leute haben auch auf dem Land richtige Häuser, sogar angemalt, und einen Garten rundherum. Bald sahen wir die ersten Teeplantagen. Die hüfthohen, grünen Büsche betteten sich weich in die hügelige Landschaft ein. Die Luft war sauber. Ich habe vorher noch nie Teeplantagen gesehen und mir auch nichts vorgestellt, aber war begeistert von dem ungewöhnlichen Landschaftsbild. Wir suchten uns eine Bleibe und organisierten eine Wanderung für den nächsten Tag. Mit einem Guide ging‘s dann frühmorgens los. Wir wanderten durch die Plantagen, auf und ab, assen zuoberst Frühstück und erfuhren viel über Teeanbau, -verarbeitung und auch über die vielen Gewürze, die in ganz Kerala angebaut werden. Wir genossen die Ausblicke auf die grünenr Hügel und verbrachten einen schönen Tag mit netten Leuten. Frühmorgens war es mit 0 Grad noch sehr kühl, tagsüber stieg das Thermometer aber auf etwa 28 Grad – ein riesiger Unterschied. Nachts kann es im Winter (also jetzt) auch mal unter Null werden. Am nächsten Tag gönnten wir unserem Muskelkater Erholung und mieteten einen Scooter. Wir fuhren 30km hoch zur Top Station, dem Grenzpunkt zum benachbarten Bundesstaat Tamil Nadu. In den letzten zwei Monaten haben wir uns schon ein wenig an die Verkehrsregeln gewöhnt. André fuhr wie ein Inder häufig hupend durch’s Dorf, überholte an Stellen, an denen zu Hause an kein Überholen zu denken wäre. Es funktioniert hier halt einfach anders, der Gegenverkehr bremst oder hält an oder fährt zur Seite, falls es nicht reichen würde. Die Fahrt war wunderschön. Es hatte nicht viel Verkehr, wir konnten anhalten wann immer wir wollten und die schöne Aussicht geniessen. Frauen arbeiteten in den Plantagen, schnitten die Teeblätter mit Scheren von den Büschen und schnatterten aufgeregt miteinander. Oben wechselte das Wetter als würde man über den Gotthard in die Deutschweiz fahren, plötzlich war es neblig. So fuhren wir halt wieder zurück und tranken unterwegs einen Chai. Wir besuchten noch die Teefabrik und sahen, wie die Blätter verarbeitet wurden. Zurück im Dorf holten wir unser Gepäck und stiegen in den nächsten Lotterbus ohne Fensterscheiben ein, der uns in 6.5 Stunden ins 170 km entfernte Alleppey brachte, wo wir nachts um 22 Uhr ankamen.

 

Backwaters in Alleppey

Alleppey ist bekannt für die verzweigten Wasserläufe parallel zum Meer. Wir haben uns für zwei Nächte ein Hausboot gemietet, mit Captain und Koch. Es war ein einfaches Boot mit gemütlicher Lounge, Esstisch und einem Zimmer mit Bad. Damit tuckerten wir durch die Gewässer, vorbei an Reisfeldern, Kokospalmen und kleinen Dörfer. Die Kinder winkten uns vom Ufer aus zu. Die Frauen standen in ihren farbigen Saris knietief im Wasser und wuschen die Kleider von Hand; das rhythmische Klopfen, das entstand wenn sie die Kleider auf einem Stein sauber klopften, begleitete uns während den zwei Tagen. Indien kann so ruhig sein.

 

So kommt unsere Zeit in Indien nun dem Ende entgegen. Es war eindrücklich, laut, farbenfroh, überraschend, schockierend, dreckig, nervig, überfüllt, wunderschön und sehr lecker. Es gab Momente in denen ich mich fragte, was ich hier mache; zum Beispiel vor unserer ersten Bahnfahrt auf dem Perron in Delhi. Andere Momente waren unvergesslich schön – der Blick auf den Achyutaraya-Tempel in Hampi zum Beispiel. Anfangs mochte ich den Masala Chai überhaupt nicht, nun wird er mir fehlen. Und so habe ich mich an vieles gewöhnt, was erst ungewöhnlich war in Indien. Ich freue mich schon riesig auf das nächste Nachtessen beim Inder mit meinen HFW-Ladies – ob ich‘s dann auch ohne Besteck, dafür mit den Händen versuche, lasse ich noch offen…

2 Comments

  • Mirjam Schwendimann 9. Januar 2018 at 2:11

    Danke für die informativen und interessanten Reiseberichte, ich lese jeden einzelnen. Ich musste bei der fehlenden Weihnachtsstimmung schmunzeln, denn genauso ist es uns dieses Jahr auf Guadeloupe ergangen. Fast 30 Grad, Palmen und Meer passen einfach nicht – ich möchte das alles aber nicht missen (grau in grau und kalt, brrr).

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    • Melanie Maurer 9. Januar 2018 at 9:34

      Hallo Mirjam, schön zu hören dass dir unsere Berichte Spass machen. Es war wirklich ungewohnt. Nun sind wir in Hongkong, bei Nebel und Regen – und ich wünschte mir die Sonne zurück 🙂 Liebe Grüsse

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