Wie man in zwei Wochen zur Paisa wird

Nach den paar Tagen Natur in Minca reiste ich nun also ganz alleine mit dem Nachtbus nach Medellín. Die Reise war lange (18h) aber problemlos. Es war komisch so ganz ohne André. Ich hatte mich in den letzten zwei Monaten so daran gewohnt, ihn 24h um mich zu haben. Ich machte mich also auf, die Stadt alleine zu entdecken.

Medellín ist nicht eine besonders schöne Stadt, trotzdem hat es mir hier gefallen. Die Stadt befindet sich auf 1’600 MüM, in einem hügeligen Tal. Alles ist bis weit in die Hügel hinauf bebaut, das sieht einmalig aus. Der Verkehr ist ein Chaos rund um die Uhr. Fussgängerstreifen gibt es praktisch keine oder wenn es welche hat, wird die Ampel nie grün. So wurde ich Meister darin, Strassen an unmöglichen Orten zu überqueren. Die Stadt hat verschiedene Comunas, Stadtviertel. Im Poblado ist die Zona Rosa (nein, das ist nicht das Rotlichtmilieu, sondern das Ausgangsviertel). Da hat es auch die meisten Hostels und Hotels und somit die meisten Touristen. Meine Sprachschule (CIE) befand sich auch dort, aber im ruhigen Wohnquartier. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Bus von meinem Zuhause ins Poblado. Den richtigen Bus zu erwischen war am Anfang etwas schwierig und nachdem ich mich zweimal verfahren hatte, gewöhnte ich mir an, den Buschauffeur jedesmal zu fragen, ob er denn auch wirklich da lang fährt wo ich hin will. Ich genoss den Spaziergang von der Busstation vorbei an den verschiedenen Cafés zur Schule. Da im Moment Zwischensaison ist in Medellín, war ich meist die einzige Schülerin und hatte Einzelunterricht. Das war superanstrengend aber ich habe auch viel profitiert. In der ersten Woche hatte ich Nachmittags bis 15:00h Unterricht. Da blieb neben den tareas (Hausaufgaben) nicht viel Zeit um die Stadt zu erkunden. Auch war das Wetter in der Stadt des ewigen Frühlings alles andere als frühlingshaft; es regnete oft…

Am ersten Wochenende habe ich einen Tagesausflug mit dem öffentlichen Bus nach Guatapé gemacht. Vor Guatapé gibt es einen Felsen – La Piedra – den man über 740 Stufen erklimmen kann. Von oben bietet sich ein 360° Ausblick über den See mit den vielen kleinen Inseln. Die Anstrengung hat sich gelohnt! Danach bin ich mit dem Tuktuk ins Dorf gefahren und war überwältigt von der Schönheit dieses Ortes. All die farbigen Häuser mit den Reliefverzierungen waren sehr sehenswert. Zum Mittagessen gab’s natürlich die lokale Spezialität: Forelle marinera.

An einem Nachmittag in der zweiten Woche habe ich mich einer geführten Tour durch Comuna 13 angeschlossen. Comuna 13 war früher das gefährlichste Gebiet Kolumbiens. Hier haben sich verschieden Guerilla-Gruppen bekämpft und Paramilitärs haben während verschiedenen, zum Teil tagelangen Einsätzen versucht, Ordnung ins Viertel zu bringen; sprich sie haben das ganze Gebiet von allen Seiten beschossen. Bei all den Auseinandersetzungen sind sehr viele Zivilisten ums Leben gekommen. Mit viel Liebe und Zusammenhalt der Bevölkerung und Hilfe der Regierung (Investitionen in Ausbildung, Mobilität, Kunst) ist es heute ein sicheres Viertel und der Besuch ging unter die Haut. Die Graffitis in der Comuna 13 sind wunderschön und erzählen zum Teil von früheren Tagen. Die Bewohner strahlen so viel Lebensfreude aus. Am Schluss durften wir selber noch sprayen.

Im Laufe der ersten Woche ist Diego ins Airbnb gezogen. Er ist Spanier und arbeitet für drei Monate in Medellín. Mit ihm und seinen Arbeitskollegen David und Nadia habe ich viel Zeit verbracht und immer schön brav spanisch gesprochen. Sie haben mich zum Mittagessen eingeladen, wir waren zusammen Nachtessen und im Feierabendbier. Und sie haben mir geholfen, Tickets für die Fussballpartie ‚El Clásico‘ Nacional vs. Medellín zu besorgen. Die zwei Stadtrivalen führen momentan die Tabelle der kolumbianischen Liga an. Die Tickets habe ich als verfrühtes Geburtstagsgeschenk für André organisiert. Abholen musste ich sie selber bei Tatjana, einer Kollegin von David und Nadia. Sie arbeitet in einem Labor in der medizinischen Fakultät. So machte ich mich am Freitag Nachmittag auf zur Fakultät, fragte mich durch und klopfte schlussendlich an die Tür des Labors und verlangte Tatjana. Meine kolumbianischen Freunde waren beeindruckt, dass ich das alles ganz alleine geschafft habe 🙂

Nach zwei Wochen kam endlich André wieder. Ich freute mich darauf, ihm Medellín zu zeigen. Er kam an und wir machten uns gleich auf zum Stadion. Die Stimmung war super. Das Stadion war ausverkauft und der Lärmpegel extrem hoch. Die Partie war unterhaltsam, unser Team Nacional hat mit 3:1 verdient gewonnen. Das war erst der Anfang einer langen und unvergesslichen Partynacht. Wir trafen meine Freunde im Poblado und tanzten dank Aguardiente bis morgens um 5:00h durch. Am Sonntag mussten wir uns erstmal erholen…

 

Da am Montag Feiertag war, gingen wir mit Diego, Nadia und David zum Parque Arví, einem grossen Park der sich oberhalb der Stadt auf dem Berg befindet. In Medellín sind die Seilbahnen mit dem Metro-Netz verbunden. So war die Anreise ganz einfach.

Am nächsten Tag hiess es Abschied nehmen. Wir machten einen schweizer Abend und haben Züri Gschnätzlets mit Rösti gekocht. Ich werde Medellín vermissen. Die Paisas (Einwohner dieser Region) sind alle supernett und ich habe mich sehr wohl gefühlt in Medellín, bin selber ein wenig zur Paisa geworden.

10 Comments

  • Doris 24. März 2017 at 7:20

    Es freut uns, dass alles gut gegangen ist und ihr wieder vereint seid. Weiterhin gute Reise, interessante Bekanntschaften und viele neue Eindrücke.

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    • Melanie Maurer 24. März 2017 at 13:13

      Danke. Leider spielt im Moment das Wetter nicht so mit. Hier könnte man viele Outdoor-Aktivitäten unternehmen aber bei Regen macht das nicht so Spass…

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  • Marcel 24. März 2017 at 8:03

    Eifach nur Super! Weiterhin viel Spass. jetzt müsst Ihr Euch ja zuerst wieder aneinander gewöhnen. 🙂

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    • Melanie Maurer 24. März 2017 at 13:12

      Das war ganz einfach 😉

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  • Bruno 26. März 2017 at 22:36

    Hast du die Treppe mit den 740 auch gut überstanden ( ohne Muskelkater ) 😉
    Ich wünsche euch beiden weiterhin erlebnisreiche Ferien.

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    • Melanie Maurer 27. März 2017 at 4:04

      Jahrelanges Spinning-Training hilft 🙂

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  • Martin und Giuseppina 31. März 2017 at 12:27

    Ihr beiden seid grossartig. Toll wenn man die Welt mit offenen Augen und Herzen auf sich einwirken lässt. Weiter so!!! Giuseppina und ich reisen mental mit euch.
    PS: weisst du noch den Namen des Restaurants in Helsinki von dem du so geschwärmt hast?

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    • Melanie Maurer 31. März 2017 at 22:41

      Hoi zäme! Schön von euch zu hören. Wir hoffen es geht euch gut. Ja klar, das heisst Chef & Sommelier. Wann geht ihr nach Helsinki? Falls ihr noch nicht in Tallinn wart: das ist gut zu erreichen mit der Fähre und auch superschön. Liebe Grüsse aus Bogotà

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      • Martin & Giuseppina 3. April 2017 at 20:12

        Tallin kennen wir schon bestens. Wir würden es jedem empfehlen.
        Wir reisen über Auffahrt. Vielen Dank für den Tip. Wir freuen uns.
        Habt viel Spass.
        PS; Essen und Trinken in Südafrika war göttlich, landschaftlich hat es jedoch keine Chance gegen Südamerika
        PS2; Die Busfahrt ist sooooooo langweilig geworden.

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        • Melanie Maurer 5. April 2017 at 15:41

          Ich habe mir noch gedacht, dass ihr schon mal in Tallinn wart. Viel Spass in Helsinki, ich hoffe ihr habt tolles Wetter! Stimmt, die Südafrika-Ferien sind ja schon vorbei, ich hatte im kopf ihr geht später. Dort ist aber bestimmt das Fleisch besser als hier 😉 Unsere Busfahrten sind auxh langweilig und dauern STUNDEN. Liebe Grüsse

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