Im Land des Donnerdrachen

Mit unserem zweiten Besuch aus der Schweiz – Mami und ihre Kollegin Margrit sind zu uns nach Delhi gereist – haben wir einen elftägigen Abstecher nach Bhutan gemacht. Wo ist Bhutan? – werden sich wohl jetzt viele fragen. Das Land liegt zwischen Indien und China (Tibet) im Himalaya, östlich von Nepal. Flächenmässig ist es etwa gleich gross wie die Schweiz und auch landschaftlich sieht es sehr ähnlich aus mit all den Bergen und Tälern; aber da enden die Gemeinsamkeiten. Bhutan ist eine der jüngsten Monarchien der Welt (seit 1907) und hat 700’000 Einwohner. Die ersten Wahlen fanden 2007 statt, damit fand der Wechsel von einer reinen Monarchie zur konstitutionellen Monarchie statt. Seit der Krönung des 4. Königs Jigme Singye Wangchuk 1974 dürfen Touristen und ausländische Journalisten einreisen, seit 1991 ist der Tourismus privatisiert und es gibt heute 1’500 lizenzierte Agenturen, die Rundreisen durch Bhutan anbieten. Dabei setzen die Bhutanesen nicht auf Massentourismus, sondern auf nachhaltigen Tourismus, der viel Geld ins Land bringen soll. Rundreisen sind nur in Gruppen mit Guide erlaubt, es braucht ein Visum und der Aufenthalt kostet USD 250 pro Person und Tag und beinhaltet Hotel, Essen, Transport, Guide und Eintrittsgebühren. Das erklärt auch, dass die meisten Touristen zwischen 50 und 60 Jahren alt sind und die Destination normalerweise nicht auf der Liste der Backpacker steht. Berühmt ist Bhutan dafür, dass hier nicht das Bruttoinlandprodukt sondern das Bruttonationalglück gemessen wird; man will sich öffnen und modernisieren und wirtschaftlichen Erfolg haben, aber nicht um jeden Preis. Jedes Projekt wird dem Naturschutz und dem Buddhismus unterstellt, die Traditionen sollen erhalten bleiben. Dies führt dazu, dass man heute ein Land besucht, in dem vieles noch so ist wie bei uns vor 100 bis 150 Jahren, aber alle haben Mobiltelefone und es gibt Internet. Diese Gegensätze haben mich schon seit langem fasziniert und die Destination Bhutan stand seit Jahren auf meiner Wunschliste.

So sind wir also mit der nationalen Fluggesellschaft Druk Air von Delhi nach Paro geflogen, vorbei an Everest, Lhotse und anderen achttausender, hinunter ins breiteste bhutanesische Tal und wir haben die waghalsige Landung glücklicherweise überlebt. Nur acht Piloten haben die Ausbildung und Erlaubnis, auf diesem Flughafen zu landen. Von unserem Guide Sangay wurden wir abgeholt und wir fuhren gleich weiter in die Hauptstadt Thimphu, wo wir unsere ersten drei Tage verbrachten. Uns fällt von Anfang an auf, dass hier alle Häuser im traditionellen Stil gebaut werden, mit viel Holz und Verzierungen. Die meisten bhutanesen tragen heute noch Gho (Männer) und Kira (Frauen), die traditionelle Kleidung aus wunderschönen Stoffen. Der Buddhismus ist allgegenwärtig, überall sind Gebetsmühlen zu sehen. Am ersten Tag in Thimphu war der Feiertag „Abstieg des Buddha“ und die halbe Stadt war zum Gebet beim Stupa oder bei der grossen Buddha Dordenma Statue versammelt. Sangay war ein sehr guter Guide, er hat uns alles genau erklärt und geduldig unsere 1’000 Fragen zu Religion und Tradition beantwortet. Von ihm haben wir gelernt, dass man im Uhrzeigersinn um Stupas und Tempel herum geht – etwas, das wir bis zum Ende unseres Aufenthaltes ganz selbstverständlich machten. Wir haben auch eine Weberei und eine Papierfabrik besucht und sind zur Akklimatisierung zu einem Kloster gewandert. Natürlich durfte auch ein Marktbesuch nicht fehlen (mehr zum Essen in Bhutan siehe Kulinarisches aus Bhutan). Zusätzlich haben wir zugeschaut, wie ein paar Männer Bogenschiessen trainiert haben, dies ist der Nationalsport in Bhutan. In einem Zoo konnten wir das Nationaltier Takin von nahem betrachten; es gibt hübschere Tiere… In jedem Distrikt Bhutans gibt es einen Dzong, eine bhuddistische Klosterburg. Der Dzong beinhaltet den Sitz der Verwaltung und das religiöses Zentrum und ist somit in einen weltlichen und einen religiösen Teil getrennt. Der Dzong in Thimphu ist sehr gross und es ist beeindruckend, dass diese prachtvollen Bauten im 17. Jahrhundert ohne Baupläne gebaut wurden. Thimphu ist eine der einzigen Hauptstädte der Welt ohne eine Ampel. Noch heute leitet ein Polizist den Verkehr bei der grössten Kreuzung der Stadt. Vor ein paar Jahren wurde da zwar eine Ampel installiert, aber die Bewohner haben sich dagegen gewehrt mit der Begründung, das sei doch viel zu unpersönlich. So wurde diese nach ein paar Tagen wieder abmontiert und seither hat der Polizist wieder Arbeit.

 

Dann fuhren wir Richtung Osten. Die Fahrt auf den Dochu La-Pass war eindrücklich und die Aussicht von der Passhöhe auf 3’100 MüM atemberaubend. Wir hatten klare Sicht auf die schneebedeckten sibentausender des Landes. Nachdem der Fahrer einmal im Uhrzeigersinn um die 108 Stupas auf der Passhöhe gefahren war, ging es weiter nach Punakha. Wir besuchten den Fruchtbarkeitstempel Chimi Lhakang und liefen über eine eindrückliche Brücke zum für mich schönsten Dzong des Landes.

 

Am nächsten Tag steht die nächste Passfahrt an. Doch diesmal ist die Strasse ungeteert weil sie gerade verbreitert wird und die Fahrt ist entsprechend langsam, eng, waghalsig und eindrücklich. Wir benötigen etwa fünf Stunden für die 80 km, die letzten 20 km fahren wir mit gebrochener Fahrwerksfeder. Phobjika ist ein wunderschönes, ruhiges Tal. Wir gehen ein Kloster besichtigen und machen einen Spaziergang über’s Moor und sehen viele Kraniche. Die Bauern hier leben sehr einfach, doch auch hier sind alle Häuser im traditionellen Stil gebaut und reich verziert. Zur Verzierung gehören auch riesige Phallus-Bemalungen, die vor Bösem schützen sollen; für uns ein komischer Anblick. Als hätten wir noch nicht genug Passfahrten hinter uns, stand am nächsten Morgen ein neues Auto mit einem neuen Fahrer bereit und wir machen uns frühmorgens auf den Weg weiter nach Osten, via Trongsa nach Bumthang. Die Fahrt dauert viel länger als erwartet. Auch hier wird die Strasse verbreitert und was im Moment besteht, ist in sehr schlechtem Zustand. Wir kommen teilweise nur im Schrittempo voran, auf der einen Seite ist steiles Gefälle ins Tal, auf der anderen halblose Gesteinswände, die weit in die Höhe reichen. Wir kommen an einigen Felsstürzen vorbei und das Herz schlägt einige Male höher, wenn es enge Kurven zu nehmen gibt und der Fahrer nah am Abgrund fährt. Heute schaffen wir die 160 km in neun Stunden ohne Autopanne. Unterwegs in Trongsa machen wir Mittagshalt und besuchen das schöne Museum im Wachturm. Am nächsten Tag erkunden wir Bumthang, das hier „die zweite Schweiz“ genannt wird. Für uns sieht das ganze Land aus wie die Schweiz, Bumthang nicht mehr und nicht weniger. Wir besuchen einen der ältesten Tempel Bhutans, den Dzong, laufen über eine uralte, wackelige Hängebrücke, an der hunderte Gebetsfahnen hangen. Dann besuchen wir die Red Panda-Brauerei. Diese wurde vom Schweizer Fritz Maurer aufgebaut. Fritz ist 1970 in Bhutan gelandet, um eine Käserei aufzubauen. Damals, als gerade die erste Strasse von Thimphu nach Punakha gebaut wurde. Er ist für ein Jahr gekommen und für immer geblieben, hat eine Bhutanesin geheiratet, wurde vom König höchstpersönlich eingebürgert und wird von den Bewohnern im Tal liebevoll Gouverneur genannt. Er hat vieles im Tal verändert. Dank ihm gibt es heute neben dem leckeren  Red Panda-Bier auch Milchwirtschaft, Kartoffeln und Honig in Bhutan. Sangay hat organisiert, dass wir den Schweizer treffen können, etwas, das er normalerweise nicht macht. Es war ein interessantes Gespräch und ich musste schmunzeln als ich gesehen habe, dass er unter dem traditionellen Gho ein Schwingerhemd trägt. Im Gespräch haben wir auch herausgefunden, dass wir trotz gleichem Nachnamen keine Verwandten sind. Wir haben auch seine Käserei besucht und durften authentischen Emmentaler Käse essen.

 

Nach all den beschwerlichen Autofahrten waren wir froh, dass wir per Flugzeug zurück nach Paro fliegen durften und uns so eine unendlich lange Autofahrt erspart blieb. Vom Mini-Flughafen flogen wir also zurück nach Westen ins schöne Paro-Tal und nächtigten in einem alten Palast mit wunderschöner Aussicht auf den Dzong und die umliegenden Reisfelder. Wir haben eine Malerei und eine Geschirr-Schnitzerei besucht und eine Höhenwanderung über dem Tal gemacht. Dann haben wir uns nochmal über einen Pass ins benachbarte Haa-Tal gewagt. Diesmal fuhren wir über den höchsten Pass Chele La (3’988 MüM) und genossen wieder eine tolle Aussicht zwischen all den Gebetsfahnen hindurch. Hier ist die Strasse zwar schmal aber geteert. In Haa besuchten wir mal wieder einen Tempel und eine Fischerei, in der angeblich nur Forellen für Aquarien gezüchtet werden – irgendwie wollten wir das nicht so ganz glauben…

 

An unserem letzten Tag stand der Höhepunkt auf dem Programm. Wir wanderten zum Taktshang Kloster, dem Tigernest. Dieses thront seit 1692 in den Felsen auf 3’120 MüM. In etwas mehr als zwei Stunden Fussmarsch erklommen wir den Felsen und je näher wir kamen, desto spektakulärer war die Sicht auf das bekannte Kloster. Ich war extrem beeindruckt. Im Kloster gibt es mehrere Tempel und wir haben auch eine Butterkerze angezündet. Guru Rinpoche soll von Tibet auf dem Rücken eines Tigers hierher geflogen sein, von da stammt der Name. Wir haben diesen Ausflug alle sehr genossen. Abends haben wir bei einer Bauernfamilie übernachtet. Da kamen wir auch in den Genuss eines Bades mit heissen Steinen. Dazu wurde eine einfache Holzwanne mit Wasser gefüllt und feuerheisse Steine dazu gegeben, damit das Wasser warm wird. Ein einmaliges Erlebnis. Die Bauernfamilie ist wohl nicht die ärmste (der Ehemann ist Diplomat in Delhi), trotzdem leben sie sehr einfach. Warm ist es nur in der Stube, wo am Boden sitzend gegessen wird.

 

Nach elf Tagen anderer Welt war dieser Abstecher zu Ende. Wir mussten uns schweren Herzens von Sangay verabschieden und nach Indien zurück fliegen. Bhutan ist eine empfehlenswerte Destination für alle, die schöne Natur lieben, aber offen sind für etwas, das ganz anders ist als zu Hause. Ich bin froh, dieses Land jetzt besucht zu haben und gespannt darauf zu sehen, wie sich was in den nächsten Jahren verändert. Für Rundreisen können wir Excursions to the Himalayas wärmstens empfehlen.

12 Comments

  • dänu 26. November 2017 at 14:15

    super bericht, wir haben vor zwei jahren praktisch die gleiche reise gemacht. damals war die strasse nach bumthan bereits eine riesen baustelle. im gegensatz zu euch wurde unser flug nach thimphu wegen schlechtem wetter abgesagt. wir mussten mit dem auto von bumthan zurück nach thimphu fahren, das dauerte schlappe 19 stunden! weiterhin viel spass auf eurer reise.

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    • Melanie Maurer 28. November 2017 at 8:40

      Wir hatten noch überlegt, was bei euch das Problem war, wir konnten uns noch an eure Erzählungen der nicht enden wollenden Autofahrt erinnern 🙂

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  • Ruedi Häfeli 26. November 2017 at 19:21

    Meine Lieben,
    vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht über ein fernes, unbekanntes Land. Der Bericht animiert, doch noch einmal in ferne Landen zu reisen. Herzliche Grüsse
    Ruedi

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    • Melanie Maurer 28. November 2017 at 8:40

      Wir können euch eine Reise nach Bhutan nur empfehlen. Die langen Autofahrten brauchen Geduld und Nerven aber ansonsten war es sehr eindrücklich und gut zu bereisen. Liebe Grüsse in die Schweiz.

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  • Fresia Degiacomi 26. November 2017 at 21:38

    Holaaaa , que lindos lugares y la naturaleza..realmente como en Suiza. Me gustaron mucho las fotos, dan puras ganas de irse ahora a Buhtan. Me alegra leer q están bien. Les cuento que el departamento está ahora ya completo hasta con mis cuadros colgados y listo para recibir siempre visitas. Los recuerdo con cariño, espero que se cuiden y sigan disfrutando de su súper viaje. Con amor sincero. Fresia

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    • Melanie Maurer 28. November 2017 at 5:22

      Hola querida, schön von dir zu hören! Erst vor kurzem habe ich an dich gedacht. Fertig eingerichtet? Schick mal Fotos 😉 Bis bald in Santiago oder der Schweiz. Besitos!!!

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  • Marcel Grab 27. November 2017 at 8:24

    Das alles erinnert mich wieder an meine 2 Trips nach Nepal. Einfach schön und angenehme Menschen. Danke für die interessanten Berichte.

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    • Melanie Maurer 28. November 2017 at 8:39

      Die Menschen, die Natur, alles ist so friedlich in dieser Ecke der Welt…

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  • klara strebel 7. Dezember 2017 at 16:25

    hey , Melanie, Superbericht, ich glaub da seid Ihr im Paradies gelandet. Danke

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    • Melanie Maurer 13. Dezember 2017 at 18:11

      Danke Klara! Bhutan war wirklich superschön. Wir vermissen die saubere Luft hier in Indien 🙂

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  • klara strebel 21. Dezember 2017 at 18:07

    Indien, Traumland, Chaos, wie vor 44 Jahren, vielleicht nicht so viele Tote am Wegrand? Auf jeden Fall danke für Euren Superbericht. Ich habe das Gefühl, beim Lesen kann ich Indien riechen und noch viel mehr. Euch Beiden schöne Weihnachten und en guete Rotsch is 2018 das wünscht Klara

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    • Melanie Maurer 7. Januar 2018 at 13:56

      Tote am Wegrand? Nein, zum Glück nicht…

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