Geheimnisse Sumatras

Banda Aceh – 13 Jahre nach dem Tsunami

Bevor unser Nachtbus Richtung Süden fuhr, hatten wir noch ein paar Stunden Zeit in Banda Aceh. Die Besitzerin unserer Unterkunft auf Pulau Weh hat organisiert, dass wir von Heri mit dem Becak (Motorradtaxi mit Seitenwagen) von der Fähre abgeholt werden und er uns Banda Aceh zeigt. Der Ort war Ende 2004 nach dem Tsunami täglich in den Nachrichten. Hier schlug der Tsunami mit voller Wucht zu. Das Epizentrum des vorangegangen Erdbebens mit Stärke 9.1 auf der Richterskala lag nur 250 km entfernt. Nachdem die Erde unglaubliche zehn Minuten lang gewackelt hat, traf 30 Minuten später die erste Welle auf die Nordspitze Sumatras. Sie und die nachfolgenden Wellen rissen in der Provinz Aceh 170’000 Menschen in den Tod, hunderttausende wurden verletzt. Die halbe Stadt Banda Aceh wurde zerstörst, Häuser, Straßen, öffentliche Einrichtungen, Wasserversorgung, Strom- und Telefonnetz – alles war kaputt. Wir haben das Museum besucht, das weniger erschütternd als befürchtet war. Beim Eingang läuft man durch einen dunklen Tunnel, man hört Wasser plätschern, lautes Grollen. Die Wände sind auf beiden Seiten 22 Meter hoch – so hoch wie die Welle, die hier auf Land traf. Man hat sogar Wasserabdrücke gefunden, die von 30 Meter hohen Wellen sprechen. Bei all den unglaublichen Zahlen fragt man sich, wie das überhaupt jemand überleben konnte. Die Wassermassen haben ein 2.6 t schweres Generatorschiff 2.5 km ins Landesinnere geschoben. Es steht heute als Mahnmal für den Tsunami inmitten der Stadt. Auch weiter kleinere Schiffe stehen noch da. Ansonsten ist Banda Aceh heute dank Millionen von Spendengeldern wieder aufgebaut und scheint eine moderne Stadt zu sein. „THANK YOU WORLD“ steht irgendwo auf einer Tafel. Ich bewundere, wie die Leute so ein Schicksalsschlag verarbeiten konnten.

Dann folgte eine ereignisreiche Busfahrt: ich bin aufgewacht, weil ich Glas habe zerbrechen hören. Fahrgäste, die vorne im Bus sassen, kamen erschrocken nach hinten, der Bus hatte angehalten. Was genau passiert ist, weiss ich bis heute nicht. Irgendwann kam ein Typ mit einem Holzstock in den Bus, lief durch den ganzen Bus nach vorne und hat auf irgendwas oder irgendwer eingeschlagen. Wir hatten seit dem Glasbruch keine Fensterscheibe mehr in der Fahrertüre, trotzdem ging’s nach ein wenig Verzögerung weiter. Da all Indonesier an Bord ruhig blieben, dachten wir, das sei wohl normal hier…

 

Bei den Orang Utans im Gunung Leuser Nationalpark

Ein bischen müde und um 100’000 Rupia, also etwa acht Franken, beschissen (der lokale Bus nach Bukit Lawang wurde uns doppelt so teuer verkauft, wie er eigentlich war) kamen wir in Bukit Lawang an und erholten uns erstmal einen Tag lang am Fluss Bohorok. Am nächsten Morgen ging es dann los, wir hatten eine Dschungeltour für drei Tage und zwei Nächte gebucht. Wir waren die einzigen Gäste, die sich drei Tage in den Dschungel wagten und so waren wir alleine mit unserem Guide Chandra unterwegs. Dass es auf Sumatra Orang Utans gibt, hatten wir vor unserer Reise nicht gewusst. Eigentlich hatten wir geplant, die Tiere auf Borneo zu besuchen. Doch das EDA rät immer noch von Reisen in gewisse Gebiete auf Borneo ab. Deshalb haben wir nach Alternativen gesucht und sind auf den Ort Bukit Lawang gestossen. Hier war früher eine Auswilderungsstation für Orang Utans, die aus ihrer Gefangenschaft befreit wurden. Heute leben die ausgewilderten Orang Utans in den Wäldern um Bukit Lawang, zusammen mit wilden Orang Utans. Wir hofften, einige von ihnen zu sehen und waren überrascht, als wir schon nach 30 Minuten laufen auf die erste Mutter mit ihrem Kind trafen. Was für ein Erlebnis. Der kleine kam neugierig vom Baum herunter, schwang an den Lianen und wollte mir sogar den Schlüsselanhänger-Bär vom Rucksack klauen! Wir schauten dem dreijährigen lange zu und gingen dann weiter. Der Weg ging rauf und runter, zum Teil recht Steil über die Hügel. Es war heiss und feucht. Bereits vor dem Mittagessen trafen wir auf zwei weitere Orang Utans. Das lenkte von den Strapazen ab. Insgesamt sahen wir am ersten Tag acht Orang Utans. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Es war so toll, diesen uns Menschen so ähnlichen Tieren zuzuschauen. Elegant bewegten sie sich von Ast zu Ast, von Liane zu Liane. Die Tiere aus der ehemaligen Auswilderungsstation waren neugierig, kamen zum Teil sehr nahe. Die wilden waren sehr scheu, blieben lieber auf den hohen Ästen. Die erste Nacht verbrachten wir in einem sehr einfachen Nachtlager an einem Fluss, in dem es ein abkühlendes Bad gab vor dem Nachtessen.

Am nächsten Morgen liefen wir im und am Fluss entlang zu einem Wasserfall, wo wir wieder baden konnten. Dann ging’s wieder stundenlang Hügel hoch, Hügel runter. Es begann zu regnen und wurde sehr rutschig. Wir waren eh schon sehr dreckig, da machte es auch nichts mehr aus, wenn man mal ausrutschte. Am Nachmittag trafen wir dann auf Suma. Sie ist eine ca. 35 jährige Orang Utan Dame, die sehr frech war und uns sehr nahe kam. Es war ein schönes Treffen mit ihr. Mit gewissem Respekt standen wir nur einen halben Meter neben ihr. Wir schossen unzählige Fotos. Die zweite Nacht verbrachten wir in einem komfortableren Nachtlager (aber immer noch sehr einfach) mit richtiger Matratze und Moskitonetz am Fluss Bohorok. Wir gingen baden, assen das leckere Nachtessen und schauten den fliegenden Glühwürmchen zu.

Dann war André’s Geburtstag – einer, wie ihn sich jeder zehnjährige Junge wünscht: Motto „Dschungeltag“. Wir liefen dem Fluss entlang zu einem Wasserfall, gingen baden und wurden von Chandra geschminkt mit Farben, die er aus gemahlenen Steinen herstellte. Zurück im Camp bekamen wir eine Krone und dann rafteten wir auf aufgeblasenen Gummireifen den Fluss runter bis nach Bukit Lawang. Dort angekommen sangen alle Hotelmitarbeiter Happy Birthday und André durfte die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen ausblasen. Wow, ich war ein wenig neidisch!
Diese drei Tage waren sehr sehr eindrücklich und unvergesslich. Wir können eine Begegnung mit diesen Tieren nur empfehlen. Orang Utans sind wundervolle Tiere und es ist beängstigend, dass immer mehr von ihrem Lebensraum zerstört wird, um Palmölplantagen anzupflanzen…

 

Am Tobasee

Wir hatten noch ein paar Tage Zeit vor unserem Weiterflug und entschieden uns, an den Tobasee zu reisen. Mit fünf bis sechs Stunden Fahrt hatten wir gerechnet, es sollten schlussendlich elf Stunden werden. Elf Stunden über Strassen so breit wie ein Radweg mit so vielen Schlaglöchern wie ein Waldweg. Der Tobasee ist der grösste Kratersee der Welt (mehr als dreimal so gross wie der Bodensee), entstanden bei der Eruption eines Supervulkans vor 74’000 Jahren. Im See liegt die Insel Samosir, die grösser ist als Singapur. Seit Jahrhunderten lebt hier das indigene Volk der Batak. Das Gebiet ist sehr abgeschieden, so lebten sie lange Zeit sehr isoliert. Es war ein gefürchtetes Volk, das sich viele Kämpfe lieferte und rituellen Kanibalismus betrieb. Schon Marco Polo berichtete von ihnen (aber nur vom Hörensagen, getroffen hat er sie nie). Wir erholten auf der Terrasse unseres Zimmers, direkt am See. Wir fuhren mit dem Motorrad umher, besuchten ein altes Königsgrab und das alte Haus eines Königs, das heute ein Museum ist. Wir besuchten auch die alten Steinstühle, auf denen das Gericht sass und darüber urteilte, ob ein Angeklagter schuldig war oder nicht. War er schuldig, wurde er – je nach begangener Straftat – geköpft und aufgegessen. Die Verwandten des verklagten mussten dabei Gewürze und Limetten spenden als Zeichen, dass sie das Urteil akzeptierten. Na, das waren noch Sitten! Auch Eindringlinge wurden verspeist. So wurden zwei amerikanische Missionare 1834 Opfer der hungrigen Batak. Das Volk hat auch einen speziellen Ahnenkult. Die verstorbenen werden begraben und nach einigen Jahren wieder exhumiert, die Knochen gesäubert und poliert und ein zweites Mal begraben. Überrascht hat uns, dass es immer noch sehr viele Häuser gibt, die im alten Baustil gebaut sind. Ganze Siedlungen im Norden der Insel sind noch zu sehen und werden auch noch bewohnt. Heute sind die meisten Batak Christen, Kanibalismus gibt es natürlich keinen mehr, aber viele andere Traditionen werden angeblich weiter betrieben.

Die Insel Samosir war sehr ruhig und es gab nicht viele Touristen. Überhaupt ist ganz Sumatra sehr ruhig und es war nirgendwo überlaufen. Die Leute sind sehr freundlich, grüssen einen, winken einem zu. Lustig war das Treffen mit zwei Englischklassen, die nach Samosir kamen, um mit den Touristen Englisch Konversation zu üben. Wir wurden von den jungen Schülern belagert, jeder stellte die gleichen, auswendig gelernten Fragen in gleicher Reihenfolge und dann gab’s ein Selfie. Ein lustiges Erlebnis.

1 Comment

  • Sven 28. März 2018 at 20:40

    Mal Geburtstag feiern wie ein König – mit Krone, Bemalung und Königin! Sieht super aus!

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