Die Toraja und ihr Totenkult

Von Hoga aus nahmen wir den langen Weg nach Tana Toraja auf uns: 30 Minuten mit einem kleinen Boot nach Kaledupa, zwei Stunden mit der Fähre nach Wanci, wo wir unseren 500. Weltreisetag verbrachten. Am nächsten Morgen ging es früh weiter mit dem Flugzeug via Kendari nach Makassar, wo wir uns in ein Gemeinschafts-Taxi setzten und in in acht Stunden nach Rantepao fuhren. Wofür all der Aufwand? Tana Toraja ist ein hügeliger Bezirk in Süd-Sulawesi und die Toraja sind bekannt für ihren speziellen Totenkult. Wir verbrachten hier vier interessante Tage und sahen Dinge, die wir zuvor noch nie gesehen haben, nichts für schwache Nerven! 

Heute sind die Toraja offiziell Christen, aber die Rituale rund um den Tod sind geblieben. Die Beerdigung ist die wichtigste Sache im Leben der Toraja und es werden Unmengen an Rupien dafür ausgegeben. Deshalb dauert es manchmal mehrere Monate oder sogar Jahre, bis sich die Familie eine würdige Beerdigung leisten kann. In dieser Zeit wird der Verstorbene einbalsamiert und zu Hause aufgebahrt und gilt nicht als verstorben, sondern als krank; man bringt ihm Essen und spricht mit ihm, wie mit jedem anderen Familienmitglied auch. Sobald genug Geld gespart wurde, findet die Beerdigung statt, die hier eher einem Volksfest gleicht und mindestens drei Tage dauert. Es finden Büffelkämpfe statt, man opfert Schweine und Büffel, man macht sich teure Geschenke und es gibt Essen und Getränke. Begraben werden die Toraja in Felswänden, Höhlen oder – Säuglinge und Kleinkinder – in Baumstämmen. Bei den Felswänden stellt man jeweils ein Abbild des Verstorbenen in Holz hin, diese lebensgrossen Figuren werden Tau Tau genannt. Sie tragen Kleider und Schmuck der Verstorbenen und sehen von weitem sehr echt aus.

Wir mieteten uns einen Roller und fuhren damit umher, besuchten einige Sehenswürdigkeiten, bzw. Gräber. Es ging vorbei an schönen grünen Reisfeldern, in denen die Bauern mit grossen zylinderförmigen Hüten auf dem Kopf arbeiteten, Überall waren Wasserbüffel zu sehen, die zur Bewirtschaftung der Reisfelder dienen. Und immer wieder sahen wir die boots- oder hornförmigen roten Dächer der traditionellen Häuser der Toraja in der idyllischen, grünen Landschaft. Als erstes besuchten wir Ke’te Kesu’, ein Dorf mit diesen traditionellen Tongkanan-Häuser auf der einen Seite, und den Reisspeicher (Alang) auf der anderen Seite. Die Büffelhörner an der Hausfront zeugen vom Reichtum der Besitzerfamilie, je mehr Hörner da hängen, desto reicher ist die Familie. Die Häuser werden aus Holz gebaut, geschnitzt und verziert, rot ist die Farbe des Reichtum. Hier sahen wir auch die ersten Felsengräber und die Holzssärge, die von den Felswänden hängen; sie sind teilweise über 500 Jahre alt. Überall lagen Totenköpfe und Gebeine herum. Wir gingen in die Höhle, wo viele Toraja begraben wurden. Nach einer kurzen Kaffeepause – der Toraja-Kaffee ist berühmt und schmeckte wirklich hervorragend – fuhren wir weiter nach Londa. Auch hier gab es ein Höhlengrab. Wir waren alleine, hatten nur unsere Handy-Taschenlampen und eine Stirnlampe dabei und es war etwas gruselig. Die Tau Tau „begrüssten“ einen am Eingang, drinnen war es dunkel und sehr verwinkelt und in allen Nischen standen Holzsärge, die am vermodern waren und aus denen Gebeine und Totenköpfe schauten. Ich kam mir vor wie Indiana Jones auf der Suche nach dem heiligen Gral und fürchtete jeden Moment, die Toten würden aus ihren Särgen aufstehen und mich vertreiben. Das passierte natürlich nicht. Auch den Ausweg fanden wir zum Glück wieder. 

 

Am Samstag war der wöchentliche Markt und den wollten wir uns nicht entgehen lassen. Neben Früchten, Gemüsen, Reis und Kaffee werden hier auch die Büffel verkauft, die zum einen auf den Feldern gebraucht werden, zum anderen auch bei den Beerdigungen eine wichtige Rolle spielen. Mindestens 24 Büffel müssen für einen wohlhabenden Verstorbenen geschlachtet werden, damit er oder sie den Weg ins Paradies findet und dort eingelassen wird. Am teuersten sind dabei die weissen Albino-Büffel, diese können CHF 20’000 oder mehr kosten. Auch Hähne werden angeboten und Schweine, die armen Schweine! Während die Büffel zwar angekettet im Regen stehen und sich nicht gross bewegen können, werden die Schweine seitlich liegend auf Bambusrohre gebunden und können nur da liegen und grunzen; ein trauriges Bild. Die Hähne werden mit einem Fuss an Eisenstangen gebunden, unter einen geflochtenen Korb gesteckt oder sitzen auf dem Schoss des Besitzer, der sie sanft streicht und schaut, dass die Federn gut aussehen. Sie scheinen der Stolz der Männer zu sein und werden für Hahnenkämpfe verwendet.

 

An einem Tag gingen wir wandern. Wir genossen die Reisfelder, wurden von allen freundlich gegrüsst „Hello Mister“, „What is your name Mister“, „How are you Mister“. Die Kinder scharten sich um uns und jeder wollte seinen Namen sagen. In diesen ersten drei Tagen sahen wir fast keine ausländischen Touristen. Wir verstehen nachwievor nicht, weshalb sich die meisten nur auf Bali und evtl. ein bisschen Java beschränken. Indonesien hat so viel zu bieten…

 

Am letzten Tag unseres Aufenthalts in Rantepao fand eine Beerdigung statt. Ein wohlhabender 86 jähriger Mann ist nach zehnmonatiger „Krankheit“ verstorben und alle kamen zusammen, um ein dreitägiges Beerdigungsfest zu feiern. Mit einem Guide gingen wir dahin, als Mitbringsel wurden von uns Zigaretten erwartet. Verrückt, man geht an eine Beerdigung und bringt Zigaretten mit – „stirb auch bald“ oder was will man damit sagen? In einem Land, in dem der Slogan der grössten Zigaretten-Marke „Never Quit“ – „Hör’ niemals auf“ ist, erstaunt mich das nicht… So gingen wir also kurz vor Mittag in das kleine Dorf und kamen uns ein wenig komisch vor, als Touristen an eine Beerdigung zu gehen – wir waren nicht die einzigen. Aber hier schätzen die Angehörigen das, man erweist so dem Verstorbenen den Respekt. Zuerst überreichten wir unser Geschenk, dann gab’s Getränke und Gebäck. Für die vielen Gäste an der Zeremonie wurden extra verschieden Gebäude erstellt, die eine Art Arena bildeten. Es kamen mehr und mehr Gäste, einige brachten Schweine – wieder waren sie auf die Bambusrohre gebunden – als Geschenke oder sogar Wasserbüffel mit. Alle Geschenke wurden feinsäuberlich vermerkt. Es wird erwartet, dass man etwas gleichwertiges zurück schenkt, wenn jemand aus der Schenker-Familie stirbt. Es hatte die Nacht zuvor geregnet, der Platz war sehr schlammig. Das Ganze hatte etwas Festival-Charkter. Zumal es auch Bier-Hostessen gab, die in ihren leuchtend blauen Kostümen Bier verteilten. Dann wurde der Sarg mit dem Toten in einer Art Prozession zur Arena getragen. Es wurde gesungen, der Sarg wurde unter lauten Rufen hoch und runter gehoben, und dann auf den Boden gestellt. Dann gab’s erst mal eine Runde Bier für alle Männer. Der Sarg wurde in ein kleines traditionelles Häuschen gestellt und ein Sprecher las den Lebenslauf – mit viel Trara, der Herr schien ein grandioses Leben geführt zu haben (verstanden haben wir nichts). Dann fanden ein paar Büffelkämpfe statt. Schon vor unserer Ankunft wurde ein Büffel geopfert. Dieser lag am Rand der Arena am Boden in seiner Blutlache (bei ca. 30 Grad) und wurde dann während der Stierkämpfe fachgerecht zerlegt. Ich sass im Schatten und André sah sich den Büffelkampf an, drehte sich zu mir um, um mich zu sich zu rufen (der Büffelkampf war gerade spannend) und dann passierte es. Uns trennten etwa 10 Meter und zwischen uns lag eines der Schweine, festgebunden an die Bambusrohre. Ein einheimischer trat sicheren Schrittes auf das Tier zu, mit der linken Hand das Mobiltelefon ans Ohr gedrückt, in der rechten Hand ein langes Messer. Dann stach er zu, er opferte das Schwein vor unseren Augen. Mein Blick wanderte zu André, der ungläubig auf das noch zuckende Schwein schaute. Es war schnell erledigt und wurde danach weggetragen, die Borsten wurden mit Bunsenbrennern abgebrannt (der Gestank war bestialisch!) und dann ebenfalls zerlegt. Das Fleisch der geopferten Tiere wird an die Gäste verteilt. Das Töten von Tieren ist etwas, das in unseren Kulturkreisen aus dem öffentlichen Blickfeld verdrängt wurde. Wir kaufen abgepacktes Fleisch im Migros und Coop und machen uns selten Gedanken, wie die Schlachtung geschieht. Es war schon speziell, dies hier so hautnah mitzuerleben (und dazu auf dem schlammigen Boden), aber es war nicht so schlimm wie befürchtet – zumal das Fleisch ja auch verwertet wird. Wir waren mehr erschrocken, dass es so plötzlich und unvorhergesehen ohne grosses Tamtam erledigt wurde. Einzig die Tierhaltung fanden wir nicht so toll. Zum Znacht assen wir übrigens trotzdem Fleisch – andere Reisende hatten uns erzählt sie könnten nun kein Fleisch mehr essen nachdem sie dies gesehen hatten… Tana Toraja war der Abstecher Wert. Wir haben eine Kultur kennengelernt, die ganz anders mit dem Tod umgeht, als wir das gewohnt sind.

4 Comments

  • Andy 7. Juni 2018 at 14:49

    Wow! An incredible experience…. and another road trip…. totally amazing!

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  • Yve 24. Juni 2018 at 15:58

    wow Indonesien mal anders… total spannend!

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  • Myriam 16. Mai 2019 at 8:19

    Hallo zäme!
    Fasz genau ein Jahr später sitzen wir im Auto nach Toraja! 🙂 Danke für die spannenden Blogs!! Eine Frage hätte ich noch an Euch: Ihr schreibt, ihr hättet euer 60-Tage Visum nicht in Sorong (soWrong) verlängert aber nicht geschrieben wieso…. Schlechtes gehört?? Wir werden es in Gorontalo oder Sorong verlängern müssen…. Lieben Dank für eure Antwort!

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    • Melanie Maurer 19. Mai 2019 at 11:38

      Wir hatten unser Visum nicht in Sowrong verlängert, weil wir keine Lust hatten nach dem Liveaboard da länger als einen Tag zu warten und wir spontan einen sehr günstigen Flug nach Manado gefunden hatten. In Gorontalo hätte es vier Tage gedauert und so hätten wir die Fähre auf die Togians verpasst, dh. wir hätten eine Woche in Gorontalo bleiben müssen (damals war die Fähre von Gorontalo gerade in der Werft und es gab nur die seltenere Verbindung ab Marisa). So fuhren wir von Gorontalo zurück nach Manado (der Flughafen war gerade geschlossen wegen einem Absturz) und sind nach Ambon geflogen. Nach unserer Erfahrung der beste Ort, für eine Visaverlängerung > sehr nette und hilfsbereite Mitarbeiter und es ist innert 24h erledigt. Gute Reise – geniesst Indonesien!!!

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