Japan – wie zu Hause und doch ganz anders

Ein Besuch Japans war eigentlich nicht geplant, doch wir hatten eine gute Ausrede: irgendwo mussten wir ja noch unsere Visa für China, Mongolei und Russland beantragen. So landeten wir in Tokyo und wollten so lange bleiben, bis wir dies erledigt hatten.

Der Kontrast hätte mal wieder nicht grösser sein können: vom chaotischen Indonesien ins klinisch saubere Japan, von drängelnden Menschenmassen in brave Warteschlangen. Am Anfang mussten wir uns daran gewöhnen. Manchmal ertappten wir uns dabei, wie wir an wartenden Menschen vorbei gingen, ganz einfach weil wir uns solche Manieren nicht mehr gewohnt sind. Wir haben also wieder gelernt, uns zu benehmen. Ab und zu mussten wir auch schmunzeln ob der pflichtbewussten Art der Japaner. Man wartet hier zum Beispiel als Fussgänger folgsam beim Rotlicht, auch mitten in der Nacht, wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist. Ungewohnt war auch, dass sich die Leute zur Begrüssung oder zum Dank mehrmals verneigen. Die Japaner sind sehr hilfsbereit. Zwar können viele kein oder nur schlecht englisch, aber uns wurde ständig Hilfe angeboten, wenn wir zum Beispiel nach dem Weg suchten. Reisen ist in Japan angenehm. Der öffentliche Verkehr ist gut organisiert und auf die Minute pünktlich, da können nichtmal die SBB mithalten. Und wirklich alles ist piekfein sauber und der Standard hoch. In den Hostels gibt es Shiseido-Produkte zum Haare waschen, und Föhn und Streckgeräte sind auch vorhanden – das freut das weibliche Backpacker-Herz. Oftmals ist man aber auch aufgeschmissen, wenn alles nur in japanischer Schrift angeschrieben ist. Übersetzungsdienste wie Google Translator waren meist nur bedingt hilfreich. Aber mit viel Phantasie und mit Händen und Füssen fanden wir uns zurecht. Manchmal traten wir auch in das eine oder andere Fettnäpfchen, wenn wir zum Beispiel vergassen die Schuhe auszuziehen im Restaurant oder nicht verstanden, dass man in Restaurants zum Teil am Automaten bestellt und nicht am Tresen. Zu den Highlights zählten WC-Besuche: Da gibt es fast so viele Knöpfe wie in einem Flugzeug-Cockpit! Der WC-Deckel geht automatisch auf, sobald man zur Tür‘ rein kommt, der Sitzring ist beheizt, man kann zwischen verschiedenen Füdlispühlungen an verchiedenen Positionen, in verschiedenen Stärken und Temperaturen auswählen, dazu kann man WC-Spülgeräusch in verschiedener Lautstärke hören und zu guter Letzt gibt es auch noch ein Gebläse, das alles trocken bläst. Nach ein paar Tagen wird man mutig und probiert alle Knöpfe aus und die anfängliche Skepsis weicht der Begeisterung. Sehr kurios fand ich, dass Rauchen in den Strassen verboten war – es gibt nur abgesperrte Ecken mit Aschenbecher, auch am Strand – in den Restaurants ist es aber erlaubt.

 

Wir verbrachten viele Tage in Tokyo im Warten auf unsere Pässe. Begrüsst wurden wir von einem Erdbeben der Stärke 6.0. Während 30 Sekunden bebte die Erde und unterbrach unser erstes Nachtessen. Als wir realisierten, was gerade passkert, klopfte das Herz und wir schauten erschrocken umher. Die Japaner sahen sich etwas verdutzt an, blieben aber ruhig und warteten, bis es vorüber war. Passiert ist glücklicherweise nichts. Tokyo war weniger überfüllt, als wir es uns vorgestellt hatten. Wir sind tausende Schritte umhergelaufen, haben den Fischmarkt besucht, waren beim Meiji-Schrein und sind unzählige Male über die bekannte Shibuya-Kreuzung gegangen. Im Viertel Akihabara stöberten wir in Manga-Läden, eine uns völlig unbekannte Welt.

 

Wir machten von Tokyo aus einen Tagesausflug nach Nikko, wo wir den schönen Tosho-gu Schrein besuchten und einen schönen Weg mit vielen Steinfiguren – allesamt mit roten Hütchen und Lätzchen – entlang liefen.

 

Wir gingen am Fuss des Vulkan‘s Fuji wandern – eine Region, die uns wegen der Seen sehr ans Engadin erinnerte. Die japanischen Wanderer hatten alle ein Glöckchen am Rucksack und als wir dann mal ein Warnschild mit Übersetzungsapp übersetzten realisierten wir, dass es hier Bären gibt. Ausser einer Schlange haben wir aber nichts gefährliches gsehen.

 

In Kamakura besuchten wir frühmorgens die grosse Buddha-Statue, noch vor dem grossen Touristen-Strom und der grossen Hitze. Es war meist um die 40 Grad heiss während den drei Wochen, die Sommerhitze plagt nicht nur die Schweiz.

 

Nachdem wir das China- und Mongolei-Visum im Sack und das Russland-Visum abgeschrieben hatten (Erklärung siehe unten) entschieden wir uns, noch eine Woche anzuhängen und die Kansai-Region zu besuchen. Mit dem Shinkansen ging’s schnell wie der Blitz in zwei Stunden von Tokyo nach Kyoto, wo uns vorallem die kleinen Gassen mit den alten Holzgebäuden gefielen. Auch der goldene Pavillon war sehr schön. Hier trafen wir auch Yuki wieder. Ihn hatten wir zufällig eine Woche zuvor im Bus kennen gelernt; ein Japaner der perfekt Deutsch spricht.

 

Im nahegelegenen Nara übernachteten wir in einem Ryokan und hatten ein japanisches Zimmer mit Tatami-Matten und Foutons zum Schlafen – ein schönes Erlebnis. Nara hat uns sehr gut gefallen mit den vielen Tempeln in den Parks mit den vielen Bäumen und den Rehen, die man füttern konnte und die sich so richtig japanisch dafür verneigten.

 

Wir hatten langsam genug von Tempeln und Schreinen, doch Koyasan stand noch auf dem Programm; ein Ort, der praktisch nur aus Klostern, Tempeln und Schreinen besteht. Aber wir genossen es da. Mit der Standseilbahn ging‘s hoch auf 800 MüM, da war es nur noch 34 Grad heiss – angenehm. Wir schlenderten durch die verlassenen Strassen, genossen die Ruhe und fühlten uns sehr heimisch weil es aussah wie irgendwo im Bündnerland. Überhaupt verstehen wir nicht, weshalb die Japaner so angefressen von der Schweiz sind – hier ist es landschaftlich wie zu Hause.

 

Natürlich haben wir auch Onsen ausprobiert. Japan verfügt über viele heisse Quellen und Onsen sind sowas wie Thermalbäder. Hier sind sie geschlechtlich getrennt und man badet nackt. Wir staunten mit welcher Selbstverständlichkeit hier mehrere Generationen zusammen nackt badeten, und dabei fröhlich quatschten. Bevor man ins sehr heisse Wasser steigt, wäscht man sich ausgiebig mit Seife und Waschlappen. Dafür sitzt man auf einem Schemmel, einer neben dem andern. Das hätten wir den sonst so zurückhaltenden Japanern nicht gegeben. Der perfekte Ort für Frauengespräche – nur habe ich leider kein Wort verstanden.

Nach einem kurzen Abstecher nach Osaka fliegen wir nun nach Guilin in China. Da man das Russland-Visum nur im Wohnsitzland beantragen kann (ja wir sind mal wieder 4.5 Stunden umsonst angestanden…), fällt die Heimreise mit der Transmongolischen Eisenbahn ins Wasser. Nachdem uns das anfänglich sehr geärgert hat, haben wir uns nun damit abgefunden und überlegen uns einen neuen Weg nach Hause – die Ideen gehen uns glücklicherweise noch nicht aus.

4 Comments

  • Marcel Grab 31. Juli 2018 at 10:17

    Wieder sehr interessant und aufschlussreich. Noch viel Spass bei Ausknobeln des Heimweges. Aber das Heimkommen nicht vergessen.

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    • Melanie Maurer 7. August 2018 at 18:31

      Keine Angst Paps, der Terminkalender ist noch nicht so voll, dass wir das übersehen könnten (Heimkommen).

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  • Claire Häfeli 31. Juli 2018 at 12:13

    Ein herrlicher Reisebericht über Japan! Vielleicht lieben die Japaner die Schweiz, weil wir doch eine wesentliche andere Kultur haben als sie.
    Für die letzten Wochen und Monate wünschen wir Euch weiterhin unvergessliche Erlebnisse und dass alles reibungslos läuft.
    Herzlicher Gruss, Claire und Ruedi

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    • Melanie Maurer 7. August 2018 at 18:35

      Vielen Dank euch beiden und liebe Grüsse nach Lenzburg, geniesst die Sommerhitze

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