Gepflegte Langeweile in der wunderschönen Mongolei

Unser Traum, mit der Transmongolischen Eisenbahn über Russland in die Schweiz zurück zu reisen, wurde gestoppt als wir das russische Visum nicht bekamen. Nun sassen wir trotzdem im Zug und reisten zumindest die Teilstrecke bis Ulaanbaatar mit der Bahn. 32 Stunden dauerte die Fahrt. Wir genossen, dass es nicht viele Reisegäste hatte und wir ein Viereabteil für uns hatten. Dass wir Richtung Russland unterwegs waren merkten wir sehr rasch. Schon bei der Abfahrt torkelte ein stockbesoffener Uniformierter den Gang rauf und runter und lallte alle Fahrgäste zu. Ich glaube ich hätte auch nichts verstanden, wenn ich mongolisch sprechen würde. Ich war beruhigt, als sich herausstellte, dass es bloss der Schaffner und nicht unser Lokführer war. Unsere Wagon-Verantwortliche schloss den Schaffner schliesslich in einem Abteil ein und es kehrte Ruhe ein. Ruhe um die schöne Reise zu geniessen: Im Speisewagen essen gehen oder die mitgebrachten Fertignudelsuppen schlürfen, schlafen, spielen, lesen, zuschauen wie die Wagon-Verantwortliche den Teppich in unserem Abteil shamponiert oder wie unser Wagen mitten in der Nacht an der mongolischen Grenze auf ein anderes Fahrwerk gestellt wird, oder eben aus dem Fenster auf die schöne Einöde schauen und bei gepflegter Langeweile seinen Gedanken freien Lauf lassen. Was uns wohl in den nächsten drei Wochen erwartet?

Wir haben uns mit der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Marco Polo“ auf die Mongolei eingestimmt. Schon interessant, wie das grösste historische Reich (grösser als das griechische, das römische Reich, das alte Ägypten und doppelt so gross wie das heutige China) einmal eine Weltmacht war und heute, von Russland und China umgeben, kaum Bedeutung hat. Wenn man die Geschichte etwas mehr studiert, merkt man, dass der im Film als tollkühne Dschingis Kahn, der auch als Erfinder von Religionsfreiheit, diplomatischer Immunität, Freihandelsabkommen und dem Schlachtruf „Hurra“ gilt, doch nicht nur tolle Seiten hatte, sondern einer der grössten Massenmörder und Tyrannen der Geschichte war. Bei den Mongolen hat er immer noch ein hohes Ansehen und schmückt mit seinem Abbild Plätze und Banknoten.

Ulaanbaatar hat uns positiv überrascht. Die Grossstadt wirkte viel sauberer und moderner als wir uns das gemäss Beschreibungen aus Reiseführern und Blogs vorgestellt hatten.

 

Dann ging es los, auf die dreiwöchige Reise durch die Mongolei. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man nicht weit und einen 4×4-Camper wie in Australien oder auf Island hatten wir leider nicht (etwas was ich bei einem weiteren Besuch unbedingt machen würde, auch wenn es wohl kaum Mietmöglichkeiten gibt und die Verständigung sehr schwierig wäre). So buchten wir eine Tour mit Fahrer und Reiseführerin. Unsere Guide war zugleich unsere Dolmetscherin und Köchin. Lavanya, eine indische Touristin aus Singapur, ergänzte unsere kleine Reisegruppe. Unser Fahrzeug war ein UAZ-452, ein sowjetisch/russischer Kleintransporter der auch „Brotlaib“ genannt wird und Kultstatus hat. Er ist für das rauhe Gelände gemacht. Es ist ein Fahrzeug, wie ich es mir nach den ersten Tagen rasch wünschte als umgebautes Büsli zu Hause. Nach der ganzen Reise bin ich mir doch nicht mehr so sicher, denn unser Fahrer musste jeden Abend etwas reparieren, ersetzen, schrauben, biegen, schweissen oder nahm das Getriebe einfach zur Wartung auseinander.

Während der Reise übernachteten wir meistens bei einheimischen Familien in Jurten (Ger). Das sind die Unterkünfte in welchen die Nomaden leben. Es ist extrem eindrücklich wie viele Nomaden es in der Mongolei immer noch gibt. Weidegebiet war und ist bis heute Gemeineigentum. Besitzrechte an Grund und Boden sind unbekannt. Die Nomaden leben als Selbstversorger mit ihren Herden von Schafen, Ziegen, Kühen, Pferden, Rentieren oder Kamelen und wechseln ihren Standort je nach Jahreszeit. Dadurch ist ihr Hab und Gut natürlich beschränkt. In der Jurte befindet sich in der Mitte ein Ofen auf dem auch gekocht wird. An den runden Aussenwänden stehen jeweils einige harte Betten mit einer durchgelegenen dünnen Matraze. Die Betten werden auch als Sitzgelegenheit verwendet und unter dem Bett wird das Fleisch vom zuletzt geschlachteten Tier gelagert. Zudem gibt es eine Komode, einen kleinen Altar, einige Töpfe und eine Säge über dem Eingang. Nicht selten auch noch ein Solarpanel mit einer Autobatrerie, welche ein Satelitentelefon, eine Lampe und einen alten Fernseher betreiben – das ist in etwa das Inventar einer mehrköpfigen Nomadenfamilie. Die Toilette befindet sich fünfzig Meter von der Jurte entfernt. Natürlich nicht mehr als ein Loch mit Brettern zum draufstehen und drei Holzwänden als Sichtschutz. Man überlegt sich also mehrfach, ob man in der Nacht den Weg in die kalte Dunkelheit, wo es auch Wölfe gibt, wagen will. Solche WC sind übrigens nicht nur in Jurten Standard sondern auch in Dörfern und Städten ausserhalb von Ulaanbaatar. Leider wird auch für den Abfall nur ein Loch gegraben. Wasser war in jeder Jurte ein rares Gut. Feuchtetüchlein mussten für die tägliche Hygiene ausreichen. In den drei Wochen hatten wir viermal die Gelegenheit zum Duschen.

 

Zuerst ging es in den Norden. Dort erlebten wir bereits nach wenigen Tagen einen Höhepunkt. Wir besuchten eine der wenigen verbliebenen Rentierthirten-Familien des Tsataan-Volkes in der Taiga. Auf dem Pferd ritten wir einen Tag lang in ein Tal, wo drei Familien mit den vielen Rentieren in den kühlen, höher gelegenen Wäldern leben. Wir blieben für zwei Nächte bei den Rentieren und durften miterleben, wie sie nach dem freien Weiden wieder eingetrieben, gemolken oder zum Reiten besattelt wurden. Ein wunderschönes Erlebnis mit diesen schönen Tieren in der tollen Naturlandschaft zu leben.

 

Ansonsten reisten wir über bewaldete Hügel, die mit ihren Nadelbäumen auf dem Gras wie eine Modelllandschaft aussahen, durch die weiten Gras-Ebenen der Mongolei, bis in die Gobi-Wüste. Die Landschaft ist einmalig, genauso wie der klare Sternenhimmel, den wir so oft bestaunten. Dörfer und Städte gibt es fast keine. Das Land ist so wenig besiedelt, dass man über Tage nur ab und zu einigen Nomaden in ihren Jurten begegnet. Nur gerade 1.9 Einwohner wohnen in der Mongolei im Durchschnitt pro km2 (CH 203 Einwohner / km2). Wenn man berücksichtigt, dass 40% der gesamten Bevölkerung in Ulaanbaatar wohnt, dann sind es im restlichen Land nur noch 1.1 / km2. Auch befestigte Strassen waren eine Seltenheit. Meistens führt nur eine Fahrspur durch die Landschaft. Oder es bilden sich weitere, wenn die eine Fahrspur zu ausgefahren ist. Das führt teilweise zu mehrspurigen Holperpisten. Auf diesen verbrachten wir viele Stunden, denn um von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu kommen, mussten viele Kilometer überwindet werden. Wegen dem unebenen Gelände konnte man im Auto nicht schlafen und beim Lesen konnte man die Augen kaum auf die Zeile gerichtet halten. Mit Podcast hören oder schauen mussten wir auch vorsichtig umgehen, denn nicht immer konnten wir unsere Geräte laden. Internet und Telefonempfang hatten wir auch höchst selten (nur 19% der Mongolen haben Internetzugang). Wir hatten also sehr viel Zeit ohne Beschäftigung – das „Nichtstun“ – „gepflegte Langeweile“. Etwas was ich (vor allem vor unserer Weltreise) fast nie hatte. Es ist aber durchaus eine positive Langeweile, bei der man so viel Zeit hat, dass einem zu ganz verschiedene Themen neue Ideen in den Sinn kommen.

Natürlich gab es auch Sehenswürdigkeiten zu sehen. Wir besuchten drei buddhistische Klöster (Amarbayasgalant, Erdene-Zuu und Ongi), oder was von ihnen nach der Zerstörung der Soviets während der kommunistischen Zeit übrig blieb. Auch die ehemalige Hauptstadt Kharkhorin, zwei Seen (Khuvsgul und Great White Lake), Wasserfälle (Ulaantsutgalan, Mukhar shivert), Vulkankrater (Uran, Khorgo), Gräber aus der Bronzezeit (Deer Stones), schöne Felsformationen (Flaming Cliffs, White Stupa), heisse Quellen (Tsenkher) mit einem wohltuenden Bad, ein Ritt mit Kamelen zu den Khongor-Sanddünen und eine Wanderung im Yol-Valley standen auf dem Programm.

Die Mongolei hat unserer Weltreise noch einen weiteren Höhepunkt geliefert. Wunderschöne Natur mit einer noch sehr alten Nomaden-Kultur, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können. Ein wunderschönes und alles andere als langweiliges Land.

 

2 Comments

  • Yve 13. September 2018 at 21:25

    Wauwww super schöne Fotos und interessanter Bericht! Bis bald ihr zwei! Wir freuen uns auf euch!!!

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    • Melanie Maurer 14. September 2018 at 5:43

      Danke! Wir freuen uns auch auf euch!!!

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